»Die Natur als Ganzes können wir nicht zerstören«


Was können Menschen von Tieren und Pflanzen lernen, auch bei der Anpassung an den Klimawandel und ihre Folgen? Ein Gespräch mit dem Zoologen und Pionier der Bionik Werner Nachtigall in „Politik & Kultur“

Ludwig Greven: Wie kamen Sie als Zoologe auf die Idee, von der Natur Lösungen für technische Probleme abzugucken?

Werner Nachtigall: Es war wohl mein Interesse schon als Kind für Autos und fürs Fliegen.

Als Laie denkt man, dass Natur und Technik ein Gegensatz sind.

Die Natur besteht wie die Technik aus Einzelelementen, die zusammenspielen. Das können physikalische oder chemische Elemente sein, aber immer bilden sie ein Großes und Ganzes. Interessant sind die Querbeziehungen zwischen diesen Elementen. Schauen Sie sich ein Auto an. Da gibt es die Einspritzpumpe, den Motor, die Reifen, aber insgesamt ist es etwas, das fahren kann. Die Einzelteile interessieren Nichtspezialisten nicht so sehr.

Aktuell ist nicht mehr angesagt, Auto zu fahren und zu fliegen, um das Klima zu retten. Andererseits ist es ein uralter Menschheitstraum, es den Vögeln gleichzutun. Schon Leonardo da Vinci hat Flugapparate entworfen, die ihre Bewegungen nachahmten.

Leonardo hatte ungeheure Einfälle, aber ohne physikalische Basis. Er kannte ihre Gesetze noch nicht und hat mit viel zu kleinen Energien gerechnet. Deshalb konnten seine Flugmaschinen nicht funktionieren. Seine Idee eines Hubschraubers war dage-gen sehr gut. Vor 50 Jahren hat man in der Biologie gesagt, eine Fliege ist ein kleiner Flugapparat. Heute weiß man sehr genau, dass Bienen z. B. nur den Bruchteil eines Milligramms Pollen brauchen, um schnell zu fliegen.

Ein Vorbild für umwelt- und klimaschonendes Fliegen?

Ja, aber nur in der Größenordnung von Insekten.

„Die Natur entwickelt Lösungen nicht für den Menschen“

Hat die Natur durch die Evolution im Lauf von Millionen Jahren Antworten für spezielle Anwendungen entwickelt, auf die Menschen trotz allen Erfindergeistes nicht kommen?

Das ist wahrscheinlich nicht ganz falsch. Die Natur entwickelt diese Dinge jedoch nicht für den Menschen, sondern für sich selbst. Der Mensch sieht sie sich dann an und interpretiert sie mit seinem technischen Verstand. Denken Sie an den Druckknopf oder den Reißverschluss. Beides ist der Natur abgeschaut wie der Klettverschluss. Oder der Oberfl ächeneffekt der Lotuspflanze. Warum hat die Natur ihre Blätter so ausgestattet, dass sie immer rein bleiben? Nicht, damit der Mensch nicht mehr Fenster putzen muss, sondern dass keine Pilz-sporen auf den Blättern haften und sie zerstören.

Was sind sonst praktische Anwendungen der Bionik?

Es sind ungefähr 3000 bekannt. Entweder sind Menschen durch Zufall darauf gekommen, weil sie sich ein Tier oder eine Pflanze genauer angeschaut und gefragt haben: Ich habe ein Problem, hat die Natur das gelöst? Die andere Möglichkeit ist, sich die Natur insgesamt genauer anzuschauen und dabei Zusammenhänge und Lösungen zu entdecken. Das Dritte ist das Wichtigste, die Abstraktion, Grundprinzipien zu analysieren. Wie entsteht Auftrieb? Wie muss der Insektenflügel bewegt werden, damit er möglichst wenig Luftwiderstand leistet? So etwas wird sehr häufi g übertragen.

Also haben auch Tiere unterschiedliche Techniken für verschiedene Anwendungen?

Die Natur begnügt sich nie mit nur einem Beispiel. Sie will immer variieren und die Grenzen ausloten.

Was kann man, abgesehen vom Fliegen, speziell von Insekten lernen?

Da findet man erstaunliche Übereinstimmungen mit der Technik. Eine Wanzenart hat z. B. eine Hochdruckdüse eingebaut, die einen beachtlichen Druck erzeugt. Ein Käfer mischt zwei chemische Substanzen und schießt das explodierende Gemisch als Verteidigungsstrahl heraus. Es gibt Schmetterlinge, die ihren Rüssel, der länger ist als sie selbst, während des Fliegens so verstauen, dass er keinen Luftwiderstand leistet. Käfer verstecken ihre Flügel unter Flügeldeckeln. Die Flügel müssen dafür gefaltet wer-den zu kleinen Paketen. Die Japaner sind Weltmeister im Falten von Papier. Ein Professor dort hat der Natur feine Strukturen abgeschaut, die Sonnensegel im Weltall entfalten.

Insekten haben auch für hochkomplexe Probleme Lösungen gefunden. Bienen und Ameisen bilden arbeitsteilige, hierarchische Staaten. Lässt sich auch davon lernen?

Ja. Ein Ingenieurteam hat im südlichen Afrika ein Bürohochhaus gebaut und überlegt, dass die elektrische Kühlung viel zu teuer wäre. Dann sind sie darauf gekommen, wie die Termiten das lösen. Die haben in ihren Bauten ein Röhrensystem, das auto-matisch Druckdiff erenzen erzeugt, sodass die Luft in bestimmte Richtungen strömt. Das hat man übertragen und hat Zwischendecken eingezogen, die sich in der Nacht mit Kaltluft füllen, wie das die Termiten machen. In der Früh wird die Kaltluft mit geringer Energie in die Büros geleitet, wo sie zirkuliert. Der Ausgangspunkt ist Bionik, aber am Ende steht immer Ingenieurkunst nach dem aktuellen Stand der Technik.

Man spricht heute von Schwarmintelligenz, angelehnt an Vogel- und Fischschwärme. Können Tiere auch Vorbild sein für die Wissensentwicklung und -vermittlung?

Eigentlich schon, aber da wird auch wieder falsch argumentiert. Ein Schwarm ist nicht intelligent, sondern er zeigt ein Verhalten, dass Menschen so interpretieren. Ein Vogel- oder Fischschwarm umhüllt einen Angreifer so oder bildet eine dichte Masse, dass er gar nicht mehr weiß, wie und wo er zugreifen soll. Aber was ist daran intelligent? Der Begriff ist nicht sehr gut.

Im Grunde ist es Ausdruck von Arbeitsteilung? Vogelschwärme tun das auch beim Fliegen.

Die Vögel messen ihre Abstände über ihr Drucksinnesorgan und die Augen. Wenn sie zu dicht fliegen, verdünnt sich der Schwarm. Bei Graugänsen hat man das untersucht. Eine fliegt eine eine Weile an der Spitze, die anderen in ihrem Windschatten und sparen Energie. Wenn die vordere müde wird, verlangsamt sie und reiht sich ein. Eine andere Gans muss dann das Leittier machen und mehr Energie aufwenden. Wie sie das machen, weiß man nicht. Aber es ist sehr effizient.

„Die Dinosaurier sind nicht völlig verschwunden“

Die Dinosaurier gelten als bekanntestes Beispiel, dass Tiere und Pflanzen trotz aller evolutionärer Anpassungen irgendwann nicht mehr auf große Veränderungen der Umwelt reagieren können und aussterben. Können wir als menschliche Spezies selbst von diesem großen Scheitern lernen, mit Blick vor allem auf den Klimawandel?

Die großen Landarten sind ausgestorben, weil sie sich unter den veränderten klimatischen Bedingungen nach dem Einschlag eines großen Meteoriten nicht halten konnten, aber die Dinosaurier sind nicht völlig verschwunden. Die heutigen Vögel sind Nachkommen des Tyrannosaurus Rex. Krokodile gibt es bis heute unverändert. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass sich einige Arten angepasst und weiterentwickelt haben wie der winzige Kolibri. Das gibt es in der Natur immer wieder: Was dem einen der Tod ist, ist dem anderen sein Leben.

Es könnte also sein, dass es irgendwann kleine Menschlein gibt, die das große Artensterben ihrer Spezies überlebt haben, weil sie sich dem veränderten Klima angepasst haben?

Sicher. Man muss sehen, was übrig bleibt und dann in die ökologischen Gegebenheiten passt. Das, was ist, bleibt nicht. Es entwickelt sich in jedem Fall weiter. Wie, lässt sich nicht vorhersagen. Wenn es immer wärmer wird auf der Erde, werden die Lebewesen einen Vorteil haben, die sich schon heute in wärmeren Regionen fortpflanzen. Die aus den kälteren Regionen werden aussterben.

„Es geht nicht um einzelne Arten“

Umweltschützer haben häufig ein verklärtes Bild der Natur. Das Coronavirus zeigt jedoch, dass die Natur nicht per se freundlich zu uns Menschen ist.

Wenn sich in der Natur etwas ändert, gibt es immer Profiteure und andere, die darunter leiden. Das ganze System ändert sich. Schon in 100 Jahren wird die Natur ganz anders sein, sodass gewisse Tiere oder Pflanzen eine Überlebenschance haben, die sie heute noch nicht haben. Und umgekehrt. Es geht nicht ums Gänseblümchen oder den Vogel des Jahres. Das ist alles schön. Aber das interessiert die Natur nicht. Was die Natur immer behalten wird und was wir Menschen nicht zerstören können, ist ihre Gesamtheit. Die bleibt nicht konstant, in einer Million Jahre schon gar nicht. Aber sie wird sich erhalten. Wir müssen nicht einzelne Bäume und Baumarten schützen. Wenn die nicht mehr in eine veränderte Umwelt passen, werden sie aussterben. Dafür wird die Natur andere Bäume ansiedeln, wie sie es immer gemacht hat. Deshalb sollte man nicht zu viel in den Schutz einzelner Arten stecken, sondern die Natur machen lassen. Die Tiger und Elefanten werden genauso aussterben wie die Mammuts, wenn sie in einer veränderten Umwelt nichts mehr zu fressen finden. Das ist nicht dramatisch. Die Natur wird sie durch andere Arten ersetzen.

Wie ist Ihr eigenes Verhältnis zur Natur nach all den Jahren als Technischer Biologe: ein ehrfürchtiges oder ein pragmatisches?

Je nach Stimmung das eine wie das andere. Im Allgemeinen ein sehr nüchternes aufgrund der Zusammenhänge, die ich in einem langen Biologen- und Technikerleben gelernt habe. Die Natur erhält sich selbst, auf ihre Tour. Sie braucht den Menschen nicht.

Sehen Sie hinter den Bauplänen der Natur, mit denen Sie sich bis heute beschäftigen, einen Schöpfergeist oder ein reines Produkt der Evolution?

Der Schöpfer hat seine Berechtigung in der Philosophie und der Religion. In der Naturwissenschaft nicht. Als Schüler und Student habe ich mich mit solchen Fragen herumgequält, wo ist der Sinn des Ganzen? Wenn es einen Schöpfergott gibt, warum macht er dann so vieles, was erkennbarer Unsinn ist? Warum lässt er Leid zu? Damit beschäftige ich mich am Ende des Lebens nicht mehr. Wenn es einen Gott gibt, werde ich es schon noch merken.

Werner Nachtigall (82) ist Zoologe und Pionier der Bionik. Er befasst sich vor allem mit Bewegungsmechanismen im Tierreich und Flugbiophysik.

Das Gespräch erschien in der Ausgabe 6/21 von „Politik & Kultur„, der Zeitung des Deutschen Kulturrats

„Neue Stufe des Judenhasses“


Der neue Hamburger Antisemitismus-Beauftragte Stefan Hensel über Angriffe von Musimen und Linken auf Juden anlässlich des jüngsten Kriegs der Hamas gegen Israel und israelbezogene Judenfeindlickeit selbst bei Fridays For Future

Ludwig Greven: Während der Angriffe der Hamas auf Israel gab es hierzulande antijüdische Ausschreitungen und Hass gegen Juden im Netz. Wieso werden, wenn es im Nahen Osten knallt, reflexhaft Juden in Deutschland attackiert? Was haben die mit dem Dauerkonflikt dort zu tun?

Stefan Hensel: Gar nichts, weil die meisten Juden, die hier leben, Deutsche sind. Warum die Stimmung so ist, dafür gibt es viele Erklärungen. Das eine ist das David-Goliath-Phänomen. Israel wird als der Stärkere gesehen, der sich verteidigen kann. Gemessen wird das an den Opferzahlen, obwohl das überhaupt nichts besagt. Das andere sind Vorurteile und Stereotype. Eine massive Wiederbelebung antisemitischer Weltbilder erleben wir bereits seit Beginn der Corona-Krise. Simple Erklärungsmuster für komplexe Fragen. Der Antisemitismus modernisiert sich und passt sich an, je nach dem, was der Zeitgeist verlangt. Das Grundmuster bleibt jedoch immer gleich. Das hat auch jetzt dazu geführt, die Aufmerksamkeit in den sozialen Medien gezielt zu lenken.

Von wem?

Hensel: Aus allen möglichen Richtungen. Das hängt immer vom Milieu ab. Während die Einen sich bemühen zu trennen zwischen Kritik an Israel und Hass auf Juden, unterscheiden Andere häufig nicht zwischen Judentum, Israel, Zionismus oder Verschwörungsfantasien. Das verschmilzt. Das ist das Einfallstor für Leute, die das gezielt nutzen.

LG: Hass und Gewalt gingen diesmal sehr stark von jungen muslimischen Migranten aus, mit Unterstützung von Linken und BDSlern, die zum Boykott gegen Israel aufrufen. Woran liegt das?

Hensel: Das war beim letzten Gaza-Konflikt 2014 schon ähnlich. Was wir allerdings jetzt erlebt haben, ging fast ausschließlich von jungen arabischen Männer aus. Wir haben es hier mit einem Antisemitismus zu tun, den es sehr stark auch im Nahen Osten gibt. Menschen, die von dort kommen oder Fernsehsender aus diesen Ländern verfolgen, legen ihn nicht deshalb ab, weil sie jetzt hier leben.

LG: Von dieser Seite kommt oft das Argument: Was haben wir mit Eurer deutschen Geschichte und Verantwortung zu tun?

Hensel: Der Holocaust war ein Menschheitsverbrechen, das von Deutschen begangen wurde, aber alle Menschen betrifft. Deshalb finde ich dieses Argument absurd. Meine Erfahrung sagt jedoch, dass die Mehrheit der Migranten, auch der muslimischen, das nicht so sieht. Ich habe häufig mit Jugendlichen zu tun, die das differenziert betrachten und es häufig beindruckend finden, was Israel geschaffen hat und sich das für ihre eigenen Länder und die Herkunftsländer ihrer Eltern wünschen. Oder die, wenn sich im Rahmen eines Schüleraustauschs nach Israel gefahren sind, ein ganz anderes Bild haben. Auch weil sie dort ein anderes Bild von sich bekommen. Sie merken, ich werde dort in der israelischen Einwanderungsgesellschaft als Deutscher wahrgenommen, obwohl ich aus Afghanistan oder dem Irak stamme. Das stellt Fragen an ihre Identität und ermöglicht ihnen einen anderen Blick auf ihre Situation. Deshalb glaube ich, dass man nicht pauschal sagen kann, migrantische Jugendliche sind antisemitischer als andere. Das Problem betrifft Jugendliche mit einer bestimmten kulturellen Prägung, hinzu kommt eine grundsätzliche Verpestung der ganzen „Israel-Debatte“.

LG: Nach dem Attentat auf die Synagoge in Halle gab es sofort Demonstrationen und Aufrufe von Politikern gegen Antisemitismus. Weshalb jetzt erst sehr spät?

Hensel: Es ist Politikern wohl nicht recht klar, wann Solidarität mit Juden und wann mit Israel angebracht ist. Es hat jedoch relativ klare Statements führender Politiker gegeben. Zuerst zu den Juden hier in Deutschland, dann zu der Frage, steht Deutschland an der Seite Israels.

LG: Aber wenig Konkretes zu dem Jundenhass von muslimischen Migranten.

Hensel: Die Diskussion über muslimischen Antisemitismus ist in der Gesellschaft insgesamt schwierig zu führen, weil man immer Angst hat, dass man Muslime stigmatisiert. Grundsätzlich finde ich das löblich. Aber es verstellt den Blick auf die Wirklichkeit, vor allem auf die Migranten, die aus Ländern kommen, die nicht antisemitisch geprägt sind und die gleichen Probleme mit Leuten haben, die islamistisch und judenfeindlich sind. Sie oder ihre Eltern sind ja oft vor diesem Terror geflohen.

LG: Weshalb tun sich vor allem Linke so schwer mit Antisemitismus von Muslimen?

Hensel: Sie wollen keine antimuslimischen Ressentiments bedienen und Rechtspopulisten nicht in die Hände spielen. Sie tun aber das Gegenteil, weil die muslimische Gemeinschaft sehr viel differenzierter ist als sie meinen.

LG: Verbreitet ist bei Linken auch pauschale Israelkritik.

Hensel: Es gibt eine starke auch mediale Fokussierung auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Dabei ist die Lage in Nachbarländern wie Syrien oder Jemen viel schlimmer.

„Schockierend“

LG: Wie finden Sie es, wenn auch auf Kanälen von Fridays for Future Karten verbreitet werden von Palästina ohne Israel, ohne Juden?

Hensel: Ich finde das schockierend. Das ist eine neue Stufe des Judenhasses und von Desinformation. Die Sozialen Medien leisten da Vorschub. Ich habe mir hunderte Profile von jungen Leuten angeschaut., die sich zu dem Thema geäußert haben und sonst voll sind mit Modethemen oder ähnlichem. Wir hatten „Black lives matter“, jetzt „Stay with Gaza“. Natürlich ist es richtig, sich gegen Rassismus und für Palästinenser einzusetzen. Aber das sind Modewellen, das geht nicht in die Tiefe. In zwei Wochen haben wir da ein neues Thema.

LG: Was haben Sie sich als Hamburger Antisemitismus-Beauftragter vorgenommen?

Hensel: Ich kann Antisemitismus nicht allein bekämpfen. Ich möchte das Thema mit denen, die sich damit befassen, voranbringen, und zwar so, dass es für junge Leute zugänglich ist. Sehr niederschwellig. Mir geht es darum, jüdisches Leben sichtbarer zu machen. Und dass wir junge Leute mit einem vom Hamburger Senat geförderten Programm nach Israel bringen, und Lehrer und Lehrerinnen dazu zu befähigen, bei diesem Thema, das im sozialen Umfeld ihrer Schüler eine wichtige Rolle spielt, eine Position zu ergreifen. Dass Antisemitismus Judenhass ist und dieser hierzulande nichts zu suchen hat. Wer seine Schule mit „antirassistisch“ labelt, aber zulässt, dass dort antijüdische Klischees verbreitet werden, macht sich unglaubwürdig.

Stefan Hensel, geboren 1979, hat ein gemeinnütziges Unternehmen, das Kindergärten betreibt, und leitet die Hamburger Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Auf Vorschlag der Jüdischen Gemeinde Hamburg wurde er zum 1. Juli vom Senat in das neue Amt des Hamburger Antisemitimusbeauftragten berufen.

In der Ausgabe 06/21 von „Politik & Kultur„, der Zeitung des Deutschen Kulturrats

Anti-Antisemitismus? Eierkuchen


Oder wie ich vergeblich versuchte, eine Solidaritätsaktion für Israel und gegen Judenhass zu organisieren

Seit die muslimischen Gaza-Terrorherrscher der Hamas und des Islamischen Dschihad Israel und seine Bürger unablässig mit Raketen terrorisieren und bombardieren, völlig unschuldige Menschen töten und dafür auch noch Applaus bekommen, lassen mich die Bilder und Nachrichten kaum noch schlafen. Erst recht nicht die von jungen zugewanderten Muslimen, die hier in Deutschland alle Freiheiten auch ihres Glaubens genießen, die aber im Verbund mit angeblichen Antirassisten, „linken“ Palästinenser/Araber-Freunden und BDSler in schlimmster Nazi-Tradition Synagogen angreifen, Jüdinnen und Juden mit ihren Mord- und Vernichtungsphantasien bedrohen und Fahnen Israels mit dem Davidstern, dem Symbol des Judentums verbrennen – 76 Jahre nach dem Holocaust, dem „großen Brennen“ von 6 Millionen Juden Europas. Im Land der Täter und des angeblichen „Nie wieder“.

Deshalb habe ich Ende vergangener Woche beschlossen, meine Rolle als freier, kritischer, unabhängiger Journalist und politischer Beobachter zu verlassen und in Hamburg spontan eine Solidaritätsaktion für Israel und die angegriffenen und wieder einmal in ihrer Existenz bedrohten Juden dort wie hier zu organisieren. Ich habe Freunde und Bekannte, SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher, die Grünen-Vizebürgermeisterin Katharina Fegebank, Vertreter aller demokratischen Parteien, von Gewerkschaften, Kirchen und Kultureinrichtungen angerufen und angemailt. Ich habe nichts unversucht gelassen. Reaktionen: fast keine. Als ich nachhakte, bekam ich, wenn ich jemand erreichte, meist hinhaltende Antworten wie: „Eine Senatorin/ein Senator darf zu so etwas nicht aufrufen, sie ist zur politischen Neutralität verpflichtet“ (gilt das auch für Aufrufe zu Klimademos?), oder „Hmm, das mit Israel ist schwierig. Sie wissen ja, da gibt es sehr verschiedene Ansichten, und das muss erst noch durch diverse Gremien.“ Oder: „Wir melden uns“ – was nicht geschah.

Nur einer sagte sofort zu

Spontan zugesagt, meine Idee zu unterstützen, hat nur Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde in Deutschland und führender Repräsentant der Kurdischen Gemeinde. Er war früher bei den Grünen aktiv, hat die aber verlassen, weil sie ihm wie die SPD zu unkritisch zu den islamistischen, auch israelfeindichen Islamverbänden sind, und hat sich der CDU angeschlossen, obwohl auch die in der Islam-Konferenz, der er früher angehörte, mit diesen Verbänden kooperiert, wie er beklagt. Vertreter aus der jüdischen Gemeinschaft und ihrem Umfeld sagten mir verständlicherweise, dass sie sich an einer solchen Aktion im Moment nicht beteiligen wollen, weil das zu riskant sei und weil die Öffentlichkeit ohnehin gegen Israel und damit die Juden gerichtet sei.

Letzteres finde ich absolut beschämend: Zugewanderte arabische und türkische Muslime dürfen hier schreien „Solidarität mit Palästina“, „Tötet Juden!“, und ein „freies Palästina vom Mittelmeer bis zum Jordan“ fordern, also ohne Israel, also ohne Juden, genauso wie die Hamas und wie auch angeblich Linke und Vertreter der unsäglichen BDS-“Kauft-nicht-bei-Juden/Israelis“-Kampagne. Ohne dass Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter sofort einschreiten. Aber es ist nicht möglich, mit wesentlich größerer Legitimität „Solidarität mit Israel und den Juden“ auch nur leise vorzubringen – mit Vertretern des demokratisch-aufgeklärten Spektrums, in einer Stadt, die so stolz ist auf ihre Liberalität und Weltoffenheit? Das will mir nicht in den Kopf und ins Herz.

Pflicht zur Solidarität mit den Angegriffenen

Denn Israel ist nicht nur, wie ich hier in meinem Blog schon geschrieben habe, die Heimstatt der Juden in aller Welt, wo sie Schutz suchen können, wenn sie in ihren Heimatländern keinen mehr sehen – solange nicht auch dieser Schutzort von palästinensischen und anderen Erzfeinden angegriffen wird. Gegründet auf Besschluss der UN, die Israel heute als Paria behandeln – als Konsequenz aus der Nazi-Barbarei und dem einzigartigen Völkermord an den Juden Europas und der versuchten auch kulturellen und historischen Vernichtung des Judentums. Israel ist auch die einzige liberale, rechtsstaatliche, multiethnische und multireligiöse Demokratie im Nahen und Mittleren Osten – in einem feindlichen, despotischen, schrecklichen Umfeld. Ein Außenposten des freien, offenen, liberalen Westen und von seiner Gründungsgeschichte her auch Europas.

Deshalb also eigentlich unserer (?) geborener natürlicher, wesensmäßiger, geistiger Partner und Verbündeter. Ein führendes Land in der Wissenschaft, Forschung, Technologie, auch bei der Corona-Bekämpfung. Und – bei allen Problemen und Konflikten im Inneren, bei einer unbestrittenen Diskriminierung arabischern Bürger und der völkerrechtswidrigen Besetzung und Besiedlung von palästinensisch-arabischem Land – ein wundervolle, wundersame, sehr diverse, bunte, lebenslustige Einwanderer-Nation. Gegen alle Wahrscheinlichkeit, dass diese winzige Land, der kleine David gegen die Goliaths ringsum, jemals hätte überleben können in all den Vernichtungskriegen und Terrorangriffen, denen er seit 1948 augesetzt war und ist.

Meine bleibenden Erfahrungen in Israel

Ich war dort nur einmal, vor 46 Jahren, während meines Zivildienstes als Kriegsdienstverweigerer. Mit einer christlichen Jugendgruppe habe ich fünf Wochen in einem kommunistischen Kibbuz von Holocaust-Überlebenden in der Nähe von Nazareth Obst gepflückt. Wir waren die erste Gruppe aus Deutschland, die sie aufnahmen, mit erkennbarer, verständlicher Skepsis, aber warmherzig und offen. Ich habe in dieser Zeit Rassismus der Kibbuzniks gegenüber Arabern erlebt, selbst gegenüber orientalischen Juden, die in einem Dorf in der Nachbarschaft lebten. Aber auch, wie in dieser Zeit israelische Soldaten in einer Kamikaze-Aktion in Entebbe Juden aus einer von arabisch-palästinensichen Terroristen entführten ElAl-Maschine befreiten. Den Jubel an dem Morgen werde ich nie vergessen: Die geteilten Gefühle von Menschen, die sich 30 Jahre nach dem Holocaust wieder und immer noch bedroht fühlten (und bis heute fühlen) – und völlig allein gestellt in der Welt. „Keiner steht uns bei, auch die Amerikaner nicht. Die Deutschen schon gar nicht. Wir können uns nur selber helfen und schützen.“ Das hat mich beschämt, aber auch ein tiefes Mitgefühl mit diesen Menschen in mir eingebrannt.

In Jerusalem unterhielten wir uns in einem Linienbus fröhlich auf Deutsch. Eine alte Jüdin mit eintätowierter KZ-Nummer auf dem Arm sprach uns an, in rostigem Deutsch: „Ich hatte mir geschworen, nie wieder mit Deutschen und Deutsch zu reden. Aber Ihr seid eine andere Generation. Ihr tragt keine Schuld. Aber Verantwortung dafür, dass das nie wieder geschieht. Shalom. Willkommen in Israel.“ Das war für mich ein Stück Befreiung von der Last auf meinen Schultern und meiner Seele, auch durch meine eigene Familiengeschichte. Und eine Verpflichtung für mich. Bis heute. Ihr und allen anderen Juden und Jüdinnen gegenüber.

Israel – ein kurioses, ewig bedrohtes Wunder

In Nazareth, anderen Orten und Jerusalem, dieser wundervollen, Juden, Muslimen wie Christen allerheiligen Stadt, habe ich auch Araber getroffen und mit ihnen Schnaps getrunken und „Salem Alaikum“ ausgetauscht, was nichts anderes bedeutet als „Shalom“: Friede. Der Auftrag auch meines Christentums: Friede – Versöhnung – Gerechtigkeit in die Welt zu bringen. Zu meinen Freunden gehören auch Palästinenser. Mit ihnen teile ich die gleichen Gedanken.

Israel, dieses kuriose Wunder aus der Asche der Schoa, des Holocaust mit seinen wunderbaren, manchmal störrischen, teils schrecklichen Menschen, ist auch jetzt wieder bedroht. Jeden Tag, jede Nacht, jede Stunde. Er bricht mir das Herz. Ich bete für sie, als Christenmensch. Denn das Christentum ist aus dem Judentum hervorgegangen. Jesus war ein getaufter Jude. Der Hass auf Juden ist aus dem Christentum entstanden, so wie es bei ursprünglichen Sekten oft der Fall ist. Aber er wird heute weitergetragen auch von Muslimen, Linken (oder solchen, die sich dafür halten), sog. Antirassisten, selbsterklärten Antikolonialisten (was immer das sein soll lange nach dem Ende der Kolonial-Epoche, und was immer das mit Israel und dem jüdischen Volk zu tun hat, das im gesamten Verlauf seiner Geschichte bis heute stets Opfer imperialer, kolonialer Verbrechen war, von den alten Ägyptern über die Römer, den Kalifen und Mauren bis zu den Osmanischen Herrschern, den Briten und Arabern, die mit Hitler und den Nazis gegen sie kollaborierten, und seinen Epigonen heute rechts wie leider auch links).

Die ängstliche, verdrucktes Mitte

Und leiderleider auch in und aus der politischen und gesellschaftlichen Mitte. Wie die Nicht-Reaktionen auf meine Bemühungen zeigen. Aber auch völlig abgedrehte Äußerungen des SPD-Co-Vorsitzenden Walter-Borjans, der allen Ernstes verlangt, Israel solle sich ausgrechnet von Deutschen Vorschriften machen lassen, wie und ob es sich gegen Vernichtungsangriffe seiner Feinde wehrt – als Gegenleistung für Waffenlieferungen, die er immerhin gnädig weiter in Aussicht stellt. So etwas macht mich fassunglos. Sozialdemokraten und Linke, die vordem zurecht stolz waren auf ihren Internationalismus, ihr Anti-Nazi-Tum, ihr Bekenntnis zur Solidarität mit Schwachen, Unterdrückten und Bedrohten, verraten ihre eigenen Grundsätze und Pflichten, und stehen ihnen nicht bei (obwohl die Mehrzahl der heute verteufelten Zionisten und die Gründerväter und -mütter Israels Sozialisten und Sozialdemokraten waren).

Aber auch Konservative, Bürgerliche, Liberale schweigen verdruckst ob des antijüdischen Mobs oder belassen es bei Lippenbekenntnissen. Und hohlen Phrasen.

Das ertrage ich nicht

Ich werde nun, als Neumitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, mit anderen an einem Neztwerk knüpfen, um dem Juden- und Israelhass langfristig entgegenzuwirken, einer mit anderen Formen des tatsächlichen oder vermeintlichen Rassismus nicht vergleichbaren sehr speziellen Urform der Menschenfeindlichkeit. Der sich tief eingefressen hat in die Köpfe auch von vermeintlich aufgeklärten Menschen und angeblichen „Opfern“.

Keine „(End)Lösung“ – nirgends

PS: Nein, eine Lösung für den ewigen, ewig unlösbaren Konflikt zwischen Juden und Arabern im gemeinsamem Palästina weiß ich auch nicht. Eine Zweistaatenlösung ist genauso unrealistisch wie ein gemeinsamer, föderaler Staat oder was auch immer. Aber das ist jetzt und aus unabsehbare Zeit überhaupt kein Thema. Schon überhaupt nicht für Deutsche und Menschen, die hierher zugewandert sind und in der gleichen historischen Verantwortung stehen, ob sie wollen oder nicht. Die Menschen in Palästina sind, genauso wie Einheimische und Zugewanderte hier, zum Zusammen- und Nebeneinanderleben verdammt und beglückt. Irgendwie. Irgendwann.

PPS: Und Nein, Araber/Palästinenser sind nicht „die Juden von heute“. AfDler und andere braune Consorten ebensowenig. Nur Juden sind Juden. Ein seit ewigen Zeiten verfolgtes, nur insofern „auserwähltes“ Volk. Menschen wie wir, wie Du, ich, Sie, wie Araber, Europäer und alle anderen. Nicht mehr, vor allem: nicht weniger.