Postkolonial-Studien als „Ersatzhandlung“


Die jüdische Kulturwissenschaftlerin und Historikern Yfaat Weiss über die Relativierung des Holocaust in moderner Form. Interview für die Zeitung „Politik & Kultur“

Ludwig Greven: Die Nazis haben nicht nur sechs Millionen Juden ermordet. Sie wollten auch die jüdische Kultur und Wissenschaft in Europa auslöschen. Was fehlt dadurch heute?

Yfaat Weiss: Es gab vor dem Holocaust, wie übrigens auch heute, nicht nur eine jüdische Kultur, es gab verschiedene jüdische Kulturen. Die eine, die sich sehr stark an die umgebende Gesellschaft angepasst hatte oder in starkem Austausch mit ihr stand. Andere jüdische kulturelle Strömungen in Europa waren jedoch eher partikular, z. B. eine säkulare jiddische Kultur in Osteuropa, die zum Teil ab den 1930er Jahren dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel. Dieser Blick für eine Bandbreite an jüdischen Kulturen scheint zu fehlen. Das führt dazu, dass die jüdische Kultur, die in deutscher Sprache geschrieben wurde, besonders stark rezipiert wird. Andere weniger. Dadurch ist der Blick in Deutschland eingeengt.

LG: Was ist das Besondere an den jüdischen Kulturen?

Weiss: Sie nehmen häufig Bezug auf die sozialen Umstände, die sich häufig bei Juden von der sie umgebenden Gesellschaft unterscheiden. Manchmal enthalten sie auch einen Widerhall der jüdischen religiösen Tradition und sie nehmen häufig Bezug zu jüdischen Sprachen. All diese Elemente stehen immer in Beziehung zu den sie umgebenden Gesellschaften. Allein deshalb ist die jüdische Kultur nicht fremd, sondern eher »halb-fremd«. Das macht sie besonders reizvoll, weil sie nah ist und dennoch fern.

LG: Dennoch halten viele Deutsche Juden, die hier leben, für Fremde.

Weiss: Es ist die Frage, wieweit die Mehrheitsgesellschaft überhaupt in der Lage ist, Differenz zu erkennen und zu ertragen. Jüdische Kulturen zeichnen sich an sich schon durch eine große Pluralität aus, weil Juden in sehr vielen verschiedenen Ländern, die an sich multiethnisch waren, lebten und leben. Diese Vielfalt, die ihnen eigen ist, mag »fremd« erscheinen. Das sagt aber wenig aus über sie selbst, sondern vor allem etwas über den Blick der Mehrheitsgesellschaft.

LG: Was ist, bei aller Unterschiedlichkeit, das Verbindende der jüdischen Kulturen?

Weiss: Vor allem der immanente Ausdruck von Differenz. Dazu die Referenz auf die jüdische Tradition bzw. Religion und in vielen Fällen auch auf das Hebräische als Sprache des jüdischen Ritus sowie die Sprache der jüdischen Israelis, heute die größte Konzentration von Juden in der Welt. Diese drei Elemente – soziales Erlebnis, Tradition, Sprache – verbinden sie mal mehr, mal weniger. An den Rändern ist dies gar nicht mehr spürbar.

LG: Viele Juden sind säkular. Wie stark ist heute noch der Einfluss der Religion auf die jüdische Kultur?

Bezogen auf Europa nicht viel anders als bei säkularisierten Christen. Es handelt sich um implizite Einflüsse über den Kalender und die säkularisierten religiösen Werte, die wir mittlerweile für universal halten.

„Die Shoa ist immer präsent“

LG: In der Begegnung von Deutschen und Juden steht häufig die Shoah im Vordergrund. Spielt sie für junge Juden und Israelis noch eine solch zentrale Rolle?

Weiss: Sie ist immer präsent. Wie kann es auch anders sein? Im heutigen Austausch zwischen Juden und Deutschen gibt es ein leichtes Generationengefälle. Die Täter waren naturgemäß älter als viele Opfer, die überlebt haben. Manche Opfer leben heute noch, haben Kinder und Enkel. Es leben kaum noch Täter, und ihre Nachkommen haben wenig Bezug dazu, weil die Tradierung von vornherein gebrochen war und gebrochen wurde. Hier müsste man über die 68er reden. Da treffen sich also auf der einen Seite diejenigen, die noch sehr nah dran sind, auf der anderen diejenigen, die sich wünschen, sich davon zu entfernen. Das Gefälle bleibt groß. Das muss man akzeptieren.

LG: Postkolonialisten wie der der kamerunische Philosoph Achille Mmembe bezeichnen Israel als eines der schlimmsten Länder der Welt und einen Kolonialstaat und halten die Besatzungspolitik für übler als die Apartheid. Was denken Sie als Historikerin darüber?

„Überbeschäftigung mit der deutschen Kolonialgeschichte“

Weiss: Als israelische Staatsbürgerin bin ich verpflichtet, mir eine Meinung zur israelischen Politik zu bilden, im Sinne Karl Jaspers Spruch: »Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit.« Als Historikerin, hier nun in Deutschland, frage ich mich, was bezweckt diese Debatte? Welche Motive stehen dahinter? Dabei geht es mir weniger um Mbembes Motive als diejenigen derer, die ihn als Aushängeschild verwenden. Bei deren Motiven bin ich skeptisch. Das gilt übrigens auch für die Überbeschäftigung mit der deutschen Kolonialgeschichte. Ich halte Teile davon für eine Verdeckung, für eine Ersatzhandlung.

LG: Was ersetzt es?

Weiss: Es ist die Beschäftigung mit Verbrechen, die alle europäische Nationen begangen haben, um sich nicht mit den Verbrechen befassen zu müssen, die von Deutschland ausgingen. Das heißt jedoch nicht, dass ich als Israelin nicht die Pflicht habe, mir Gedanken über die Politik meines Landes zu machen. Das ist davon aber völlig getrennt, und das lebe ich da aus, wo es einen Unterschied macht, wo es in der Tat darauf ankommt, das heißt in Israel.

LG: Haben Wissenschaftler wie Sie, etwa auf internationalen Kongressen, heute Probleme, weil sie Juden sind?

Weiss: Wenn ich Formen von Boykott erlebe, dann beziehen sie sich auf Israel und nicht auf das Jüdischsein und sind dazu noch implizit.

Yfaat Weiss ist Direktorin des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow und Professorin an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Erschienen in längerer Form in der Ausgabe 4/2021 von „Politik & Kultur“, der Zeitung des Deutschen Kulturrats

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Wie wenig Freiheit darf’s sein?


Die Regierenden lockern unwillig und nur ein klein bisschen, weil Bürger und Unternehmen aufbegehren. Trotz Pandemie darf das kein Dauerzustand werden

Weil niemand mehr durchblickt – sie selbst wohl auch nicht – hat Merkels Runde mit den Ministerpräsidenten ihren jüngsten mühsamen Beschlüssen eine Grafik vorangestellt. Eine DinA4-Seite soll vermitteln, was Bürgerinnen und Bürger von nun an dürfen, was nicht, bei welchen Inzidenzwerten und in welchen Regionen. Und wann das alles wieder zurückgenommen wird: Freiheiten auf Bewährung.

Trotz dieser gaaaanz vorsichtigen und von der Kanzlerin nicht gewünschten kleinen Öffnungsschritte: So wenig Freiheit und offene Demokratie war nie seit dem Krieg und der Gründung der Bundesrepublik. Und das sollte große Sorgen machen. Mindestens genauso wie die längst nicht ausgestandenen Gefahren der Corona-Pandemie, deren dritte Welle gerade läuft. Und die die Regierenden wohl nie in den Griff bekommen werden, wenn sie so widersprüchlich, zaudernd, phantasielos und teils stümperhaft weitermachen wie in den bisherigen zwölf Monaten Ausnahmezustand.

Um die Notstandsgesetze wurde Ende der 1960er Jahre heftig gerungen und seitdem immer wieder um Freiheitsbeschränkungen im Zeichen des Antiterror-Kampfs. Doch seit das Coronavirus sich vor einem Jahr über die Welt verbreitete, müssen die Bürger hinnehmen, dass ihre elementaren Freiheitsrechte eingeschränkt sind, ohne mitreden zu können, und ein in der Verfassung nicht vorgesehenes Gremium die Macht ergriffen hat: die Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten – eine bis auf die AfD Allparteien-Notstandskabinett, da alle anderen Parteien im Bund oder den Ländern mitregieren. Was die Runde beschließt, ist Quasi-Gesetz und darf allenfalls hinterher vom Bundestag debattiert und im Einzelfall von Gerichten überprüft werden.

Merkels Linie ist nicht alternativlos

Merkels „alternativlose Politik“, die schon in der Finanz- und Migrationskrise verhängnisvoll war und zum Entstehen und Erstarken der AfD als Schein-Alternative führte, feiert unfröhliche Urständ. Wer es wagt, ihr zu widersprechen, wie es manche Ministerpräsidenten gelegentlich und andere häufiger tun, wird von der einen Seite sogleich als Verräter an der Volksgesundheit und an Leib und Leben gebrandmarkt. Von der anderen als Widerständler gegen die „Merkel-Diktatur“ vereinnahmt. Dabei nehmen die Kritiker und Skeptiker nur ein selbstverständliches demokratisches Recht in Anspruch: politischen Beschlüssen infrage zu stellen und sie an ihrer Wirksamkeit und Verhältnismäßigeit zu messen, erst recht wenn es sie selbst so oder so existenziell betrifft.

Begründet wird das Alles von den Regierenden und ihren Unterstützern mit einem übergesetzlichen Notstand: der unbestreitbar Gefahr für Leben und Gesundheit Hunderttausender Menschen. Doch das legitime Ziel, diese Gefahr abzuwenden, rechtfertigt nicht, demokratische Prozesse auszuhebeln. Freiheitliche Politik lebt vom Streit um widerstrebende Interesse und Ziele und bestmögliche Wege dorthin. Das gilt auch und gerade in einer schweren Krise, wenn sie nicht zu einer Krise der Demokratie selbst werden oder sie vertiefen soll – in einer Zeit, in der autoritäre Regierungsformen wie in China, Russland, der Türkei, aber auch Ungarn und Polen ohnehin im Vormarsch sind und den liberalen Westen herausfordern.

Dabei zeigen die widersprüchlichen, ständig neuen Beschlüsse der Regierenden; ihre unterschiedlichen Lockdowns und Öffnungspläne, die dann wieder zurückgenommen oder geändert werden; ihre verschiedenen Richtwerte und Orientierungsmaßstäbe, dass sie bis heute keine wirkliche Strategie haben und wie im Grunde alle noch immer wenig wissen über das Virus und seine Verbreitungswege. Und deshalb notgedrungen auf Sicht im Nebel fahren. Das aber mit Caracho, koste es was es wolle. Die Ergebnisse nach einem Jahr sind bescheiden: Die Infektionszahlen steigen im beginnenden Frühling wieder trotz aller verhängten Maßnahmen, die Impfquote liegt weit hinter anderen Länder zurück, Tests fehlen, eine Strategie dafür soll erst jetzt entwickelt werden; die vorläufige Bilanz der Corona-Toten ist umgerechnet auf die Bevölkerungszahl eine der höchsten der Welt.

Nur zaghafte Gegenwehr

Die Diskussion, ob Gesundheitschutz dennoch eine so weitgehende Einschränkung der Bürgerrechte, des Sozial- und Wirtschaftslebens und der normalen Abläufe der parlamentarischen Demokratie rechtfertigt, bleibt dennoch zaghaft. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble wies zwar im vergangenen Sommer darauf hin, dass die Würde des Menschen und damit seine Freiheit im Grundgesetz über Leben und Gesundheit steht. Doch das blieb folgenlos. Selbst die Coronademos selbsternannter Querdenker haben sich verlaufen. Gestritten wird nur noch darum, ob und wann welche Bereiche öffnen dürfen. Auch das entscheidet jedoch allein die Runde der Regierungschefs, auf den Rat einiger Virologen und Experten – anhand des nationalen Indidenzwerts, der jüngst auf Merkels Drängen von 50 auf 35 gesenkt und jetzt wieder erhöht wurde. Protest ist zwecklos. Nur mächtige Lobbyverbände ziehen im Hintergrund wie eh und je ihre Strippen.

Aternativlos ist die meist von Merkel und ihrem Kanzleramt ausgegebene jeweilige Linie indes keineswegs. Das zeigt ein Blick auf andere Länder wie Israel oder Großbritannien, die längst zu einer Kombination aus raschem Impfen und Lockerungen für Immunisierte und weiterer Bereiche der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens übergegangen sind. Und der Blick auf die keineswegs einheitlichen Aussagen von Virologen, Epidemiologen und Fachleuten aus anderen Disiziplinen. Rechtfertigen müssen sich jedoch die Bundesländer, die den Kindern nach Monaten häuslicher Not endlich wieder ihr Recht auf Bildung und außerhäuslicher Betreuung in den Kitas gewähren, mit vielen Schutzauflagen. Und dürfen als Placebo dürfen nach den Frisören jetzt auch einige Läden und andere Bereiche ein bisschen öffnen. Falls es Tests gibt…

Verheerende Schäden für die Gesellschaft

Dabei sind die verheerenden sozialen, psychologischen und wirtschaftlichen Schäden unübersehbar. Und auch die Schäden für die Demokratie und ihren Rückhalt bei den Bürgern. Wer zählt nicht nur die an oder mit Covid Gestorbenen und Erkrankten, sondern auch die Verzweifelten und Einsamen; die um ihren Job, ihre Existenz und ihre Zukunftsperspektiven Gebrachten; dienigen, die an anderen Krankheiten verstorben sind oder dauerhaft leiden, da sie nicht in ein Krankenhaus konnten oder sich trauten, weil deren Kapazitäten für Corona-Fälle reserviert waren; die zerbrochenen Ehen und Familien; die Schülerinnen und Schüler, die den Anschluss vielleicht für immer verloren haben; diejenigen, die sich in ihrer Not das Leben genommen haben oder einsam gestorben sind? Und diejenigen, die sich von der Demokratie abgewandt haben, weil sie mit der angeblich alternativlosen Einschränkung ihres Lebens durch eine selbstermächtigte Überregierung nicht einverstanden sind, oder die umgekehrt sich in ihrer Sehnsuch nach einem autoritären Staat bestätigt fühlen? Wenn das noch monatelang so weiter geht, könnte es sich zu einem Flächenbrand ausweiten, gefährlicher noch als die medizinische Pandemie.

Eine offene gesellschaftliche Debatte ohne Tabus über den Fortgang der Coronapolitik ist deshalb dringend vonnöten. Auch um sich für küntige Pandemien und Krisen zu wappen. Schon rufen manche Politiker wie Unions-Fraktionschef Ralf Brinkhaus nach neuen Notstandsgesetzen, weil sie das Regieren ohne wirkliche Oppostion gerne perpetuieren würden. Auch manche Journalisten und Aktivisten haben Gefallen gefunden am Erstarken des Staates zulasten widerspenstiger Bürger und ihrer Freiheiten, und möchten es als Folie auch im Kampf gegen den Klimawandel nutzen.

Zermürbte Bürger

Die lange Zeit starke Unterstützung für den harten Kurs bröckelt jedoch bedenklich. Daran ändert auch der Verweis auf die Virus-Mutanten nichts. Viele Bürger sind erschöpft, zermürbt und des ständigen Warnens und Mahnens, der Ge- und Verbote, des ewigen Wartens und Vertröstetwerdens überdrüssig. Sie sehnen sich nach Freiheit, mehr als nach ihrem gewohnten Leben. Auch der Freiheit selbst zu entscheiden, welche Maßnahmen sie für richtig und verantwortlich halten, und welche nicht. Und sie wollen schon gar nicht, dass ein allmächtiger Staat sie auch in Zukunft gängelt, wenn die Pandemie hoffentlich irgendwann vorbei ist.

Eine liberale demokratische Gesellschaft lebt immer im Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit. Im Zeitalter eines starkern Individualismus und wachsender kultureller und sozialer Unterschiede möchte jeder nach seiner Façon glücklich werden, aber er und sie möchte auch Schutz vor äußeren und inneren Bedrohungen. Nur wenn beides – außer in Zeiten von Kriegen, Terrorangriffen oder anderen existenziellen Gefahren – in einem ausgewogenen Verhältnis steht, finden Staat und Demokratie auf Dauer die notwendige Legimation. Nach einem Jahr Corona-Notstandspolitik ist diese Balance in gefährliche Schieflage geraten.

Aufstand der liberalen Muslime


Eine neue Generation in der islamischen Gemeinschaft wendet sich gegen die Fundamentalisten, Terror gegen Andersgläubige und die Traditionsverbände. Und deren Schützenhilfe durch Linke

Foto: Deutschlandfunk.de

von Ludwig Greven

Dogan Günes wurde wie viele muslimische Kinder von seinem Vater in die Moschee und die Koranschule gezwungen. »Viele wenden sich später vom Islam ab«, sagt der 48-jährige Ludwigshafener Softwareberater. »Sie entwickeln durch den Zwang einen regelrechten Ekel vor der Religion.« Sie verabscheuen eine strikte Glaubenslehre, die ihre Freiheit einschränkt und die westliche, aufgeklärte Kultur verachtet, in der sie leben. Und sie verabscheuen Islamisten, die im Namen dieser Religion Andersgläubige und -lebende angreifen und töten – zuletzt vor einer Synagoge in Wien, den französischen Lehrer Samuel Paty, Betende in einer Kirche in Nizza, ein schwules Paar in Dresden.

Günes lernte im Kindergarten und in der Schule in Würzburg, wo er aufwuchs, auch die christliche Seite kennen. Für ihn ein Glück: »Sonst wäre ich heute nicht so offen. Ich habe kein negatives Bild vom Christentum.« Seit dreißig Jahren engagiert er sich für den christlich-muslimischen Dialog. »Wir treffen uns einmal im Monat mit Christen unter Leitung eines Pfarrers und eines Imams, lesen in der Bibel und dem Koran und sprechen darüber.« In Moscheen, die häufig von den aus Ankara gesteuerten türkischen Verbänden wie der Ditib oder radikalen Salafisten beherrscht werden, geht er nicht mehr. »Mit dem politischen Islam möchte ich nichts zu tun haben. Ob eine Muslima ein Kopftuch trägt, ist ihre Entscheidung. Ich halte es für heuchlerisch, wenn Vertreter der Verbände in Deutschland Kopftuchfreiheit fordern, während in den muslimischen Ländern Frauen und Mädchen unter den Schleier gezwungen werden.«

Fehlende Diskussion über den Glauben

Wie der aus der Türkei stammende Günes denken immer mehr vor allem jüngere Muslime der dritten und vierten Einwanderergeneration. Sie sehen sich als Teil der hiesigen Gesellschaft, sie schätzen die westlichen Werte und Lebensweise, nicht einen strengen Islam, den ihre Eltern und Großeltern aus ihren Heimatländern mitgebracht haben. Der Islam ist für sie vor allem eine kulturelle Tradition, keine Glaubenslehre, der sie strikt folgen – nicht anders als für viele, die christlich aufgewachsen sind. Und sie sind es leid, von den selbsterklärten Anführern der islamischen Gemeinschaften genauso wie von der deutschen Mehrheitsgesellschaft als Teil einer uniformen muslimischen Masse abgestempelt zu werden, die in Wirklichkeit viel differenzierter ist, als beide Seiten es wahrhaben wollen.

»Es gibt heftige Auseinandersetzungen innerhalb der muslimischen Community. Aber die werden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen«, beklagt der in Köln geborene und lebende freie Journalist Eren Güvercin, der schon 2012 ein Buch über die »Neo-Muslime« schrieb. Güvercins Vater kam 1967 aus einem Dorf im Südosten der Türkei. »Er lebt traditionell. Ich verstehe mich anders, weil ich hier geprägt wurde«, sagt sein Sohn. In der muslimischen Gemeinschaft sei es unterentwickelt, sich mit der eigenen Religion auseinanderzusetzen. »Aber das gehört zum Glauben.« Die Verwerfungen hätten nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei zugenommen. Der von der türkischen Religionsbehörde gesteuerte und finanzierte Ditib-Verband und der zweite große Moscheeverband Milli Görus nähmen wahr, dass viele Jüngere mit Erdogans fataler Mischung aus extremem Nationalismus und Islamismus nichts zu tun haben wollten. »Umso aggressiver treten sie hier auf.«

Eine transsexuelle Muslima

Mit Gleichgesinnten gründete Güvercin vor drei Jahren die Alhambra-Gesellschaft, die sich der Versöhnung von Christen und Muslimen verschrieben hat. Sie veranstalten regelmäßig ein »muslimisches Quartett« in verschiedenen Städten, bei dem theologische und andere Fragen diskutiert werden. Vor einiger Zeit ging es um »Macht und Gender« – mit einer transsexuellen Muslima. »Im Publikum saßen auch viele traditionelle Muslime. Einige waren positiv überrascht. In der muslimischen Community gibt es einen großen Bedarf, über solche Fragen zu reden.« Die Vertreter des orthodoxen Islam sind nach seiner Ansicht glücklich über die Ablehnung durch die Mehrheit in Deutschland. »Sie brauchen das Feindbild. Dann müssen sie sich nicht verändern.« Verheerend sei ihre Botschaft, die bei vielen verfange und die auch Erdogan gepredigt habe bei seinen Besuchen in Deutschland, und die ja auch zum Teil zutreffe: »Du kannst machen, was du willst, du wirst doch nicht aufgenommen.« Damit wollten sie den jetzigen Zustand einbetonieren. »Wir sollen uns in eine Wagenburg zurückziehen.«

Muhammad Sameer Murtaza, Islamwissenschaftler und Mitarbeiter der Stiftung Weltethos des katholischen Theologen Hans Küng, beobachtet ebenfalls eine zunehmende Spaltung der muslimischen Gemeinschaft, auch bei seinen Studenten. Auf der einen Seite gebe es gut Integrierte. Auf der anderen ein Revival traditioneller Vorstellungen, als Reaktion auch auf erlebte Ablehnung. Viele wendeten sich dem Salafismus zu, manche radikalisierten sich in Richtung Gewalt. Allerdings habe das seit dem militärischen Sieg über den IS nachgelassen. Überwinden werde man die Radikalisierung nicht, indem man künstlich einen »deutschen« Islam schaffe. »Wir reden zu viel über Religion«, sagt Murtaza. »Stattdessen müssen wir überlegen: Was machen wir mit denen, die in der Schule scheitern und keinen Platz in der Gesellschaft finden?«

Islamisierung in der Dispora

Die Bildungsberaterin Tuelin Arslan, die lange am Zentrum für Türkei-Studien in Essen gearbeitet hat, erzählt eine andere Geschichte über Migration und Religion: Ihr Vater war frommer Muslim, aber Laizist, geprägt vom Kemalismus in der Türkei. Wie er fordert auch sie, Religionen als reine Privatsache aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Ihre Familie stammt aus Zentralanatolien, als sie zwei war, zog sie ins Rheinland. »Alle Muslime hier sind deutsch gefärbt«, glaubt sie. »Selbst Strenggläubige leben nach deutschem Vorbild.« Sie würden aber durch den Säkularismus ermuntert, der Religion einen zu großen Platz zu geben. »Die Islamisierung hat ihren Ursprung in Europa, sie ist eine Folge der Diasporasitution«, ist Tuelin Arslan überzeugt. »Als sie kamen, hatten viele Muslima einen Minirock an. Den Schleier haben sie erst hier angelegt.«

Als ihr Vater starb, sollte die Trauerfeier nach seinem Willen nicht in einer Moschee, aber im religiösen Rahmen stattfinden. Von der AWO, bei der sie für einen Raum anfragte, wurde sie jedoch an die Gülen-Bewegung verwiesen. »So werden wir von der deutschen wie der türkischen Seite genötigt, uns einer Religion unterzuordnen«, kritisiert Arslan.

Keine falsche Toleranz

Alhambra-Gründer Güvercin macht auch Linke und Liberale für das Erstarken des fundamentalen Islam verantwortlich. Mit falscher Toleranz und Verständnis selbst für rückständige patriarchalische Strukturen und ihren ständigen Warnungen vor »Islamophobie« hätten sie ihm den Boden bereitet. »Diese Aktivisten handeln entweder aus Naivität oder aus einem Beschützerinstinkt. Den brauchen wir nicht. Wir brauchen Unterstützung gegen die Orthodoxen.« Er will eigene liberale Organisationen schaffen. »Das Denken muss sich ändern. Wir Muslime müssen annehmen, dass wir in Deutschland angekommen sind. Die großen Verbände wollen das verhindern.«

Dennis Sadik Kirschbaum hat in Berlin mit anderen jungen Muslimen den Verein juma gegründet: jung, muslimisch, aktiv. »Wir sehen uns als deutsche Muslime«, sagt er. In dem Verein, der bereits einen Ableger in Baden-Württemberg hat, sind Anhänger der unterschiedlichen islamischen Konfessionen organisiert, Sunniten wie Schiiten, auch solche, für die Religion keine Rolle spielt, die sich aber dennoch als Muslime empfinden oder wahrgenommen werden. Man arbeite mit Jugendverbänden anderer Gruppen zusammen, die ebenfalls diskriminiert würden, zum Beispiel mit der jüdischen Jugend.

Andere wie Ali Utlu haben sich ganz vom Islam losgesagt. Er lebt offen als vom Glauben abgefallener Atheist und zudem Schwuler – für orthodoxe Muslime beides Todsünden. Deshalb erhält er ständig Morddrohungen übelster Art. Utlu gehört dem Zentralrat der Ex-Muslime an, der von der iranischen Oppositionellen Mina Ahadi bereits 2007 gegründet wurde und unter dem Motto »Wir haben abgeschworen« für Religions- und Meinungsfreiheit in den muslimischen Ländern kämpft. Menschenrechte seien unteilbar, sagt Utlu. Sie müssten auch für all jene gelten, die in einer muslimischen Kultur aufgewachsen seien.

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde in Deutschland und führender Vertreter der Aleviten, der zweitgrößten Glaubensgruppe unter den türkischstämmigen Migranten, hat mit anderen eine Initiative Säkularer Islam gegründet. »Wir dürfen die Zukunft der muslimischen Kinder nicht in die Hände von Islamisten legen«, sagt er. Toprak engagiert sich in der CDU. Von Kanzlerin Merkel wird er mit anderen Kritikern des orthodoxen Islam hin und wieder ins Kanzleramt eingeladen, »aber Bundesinnenminister Seehofer und die Landesregierung verhandeln die Zukunft der deutschen Muslime lieber mit den Islamverbänden«. Seine Konsequenz: »Dann müssen wir säkulare und liberale Muslime uns eben selbst organisieren.«

(in Publik-Forum 03/2021)