Der Hass auf Juden wächst



Auch 75 Jahre nach der Schoa ist angstfreies jüdisches Leben in Deutschland nicht möglich. Eine Spurensuche ein Jahr nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle, in Publik Forum Nr. 20/2020

Von Ludwig Greven

Das Schlimmste, sagt Bernadette Gottschalk, sei die Gleichgültigkeit. Die ehemalige Lehrerin stammt aus einer jüdischen Familie in Ungarn, seit fast 50 Jahren lebt sie in Deutschland. Immer wieder hat sie Drohungen erhalten und Angriffe erlebt. Vor Jahren warfen Unbekannte nachts Farbbeutel gegen das Haus in einem Vorort von Hannover, in dem sie mit ihrem Mann wohnt. Die schwarzen Kleckse sind bis heute an der Fassade zu sehen. „Keiner aus der Nachbarschaft oder von der Gemeinde ist vorbeigekommen, um Mitgefühl oder Unterstützung auszudrücken“, berichtet sie bei Kaffee und Kuchen in ihrem Garten.

Bernadette Gottschalk macht kein Geheimnis daraus, dass sie Jüdin ist. Aber sie zeigt es auch nicht demonstrativ – aus Vorsicht. Ihre Großeltern und weitere Verwandte sind in Auschwitz ermordet worden. Ihr Vater war im faschistischen Ungarn im Arbeitslager. Zeitweise wurde er an die SS überstellt und musste für die Wehrmacht schuften. 1944 floh er zu den Russen. Nach dem Krieg kehrte er nach Budapest zurück und übernahm die Weingüter der Eltern. „Doch als er sah, dass die, die ihn verraten hatten, wieder an die Macht kamen, emigrierte er nach England“, erzählt sie.

1968 lernte sie am Plattensee, wo sie als Pädogikstudentin ein Ferienlager leitete, ihren späteren Mann kennen, der dort als westdeutscher Student mit Freunden Urlaub machte. Nach Deutschland zu ziehen, wäre ihr damals nicht in den Sinn gekommen, nach dem Schicksal ihrer Großteltern und ihres Vaters. Der gab ihr schließlich die Erlaubnis, nachdem er seinen künftigen Schwiergersohn kennengelernt hatte: „Du kannst ihn heiraten, aber ich werde dich nie in Deutschland besuchen.“

Der Zahnarzt stand in Auschwitz an der Rampe

Nach der Hochzeit 1972 lebte das junge Paar zunächst in Hannover. Bernadette Gottschalk ging zu einem Zahnarzt um die Ecke – um erschreckt festzustellen, dass er in Auschwitz an der Rampe gestanden und daran mitgewirkt hatte, vergasten Juden das Zahngold herauszubrechen. In einem der Auschwitz-Prozesse wurde er jedoch freigesprochen. Sie besuchte mehrere dieser Prozesse. Bei einem organisierte sie einen Protest, und auch dagegen, das in ihrem Ort jedes Jahr am Volkstrauertag Kränze an einem Ehrenmal niedergelegt werden, auf dem die SS-Losung prangt: „Treue um Treue“. „Seitdem bekomme ich Drohbriefe“, sagt sie. „Als Jugendliche in Ungarn spielte die Religion für mich keine Rolle. Das Bewusstsein, Jüdin zu sein, hat sich erst verstärkt durch die Angriffe in Deutschland.“

Wie Bernadette Gottschalk geht es vielen Jüdinnen und Juden: Sie fühlen sich bedroht und leben in ständiger Angst – im Land der Täter von damals wie heute. Und diese Angst nimmt zu, weil auch die Angriffe, die offenen und versteckten, beständig zunehmen. Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle, stand wie die anderen vor einem Jahr hinter der Eingangstür der Synagoge, als der Rechtsextremist Stephan B.versuchte, in das jüdische Gotteshaus einzudringen, um die mehr als 50 Gläubigen niederzumetzeln, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. „Es herrschte Panik“, sagt Privorozki. „Wir konnten uns aber auf das Notwendigste konzentrieren – die Türe zu verbarrikadieren und die älteren Menschen und Frauen in die Wohnung in der oberen Etage zu schicken.“ Der Täter schoss immer wieder auf die dicke Tür aus Holz, die nicht die deutschen Sicherheitsbehörden bezahlt hatten, sondern die Jewish Claims Conference gespendet hatte. Sie hielt zum Glück und verhinderte ein Massaker. Der Täter, der seinen Anschlag live in den sozialen Medien für die Weltöffentlichkeit in wirren Tiraden kommentierte, ermordete stattdessen zwei Passanten. „Ich habe leider gesehen, wie der Mörder jemanden erschossen hat. Später haben wir erfahren, dass es Jana L. war. Das werde ich niemals vergessen“, sagt Privorozki.

Die Justiz und die Öffentlichkeit schauen weg

Wie haben er und die Gemeindemitglieder das Erlebte bewältigt? Das sei bei jedem anders. „Ich habe sehr viel Arbeit, viele Termine und keine Zeit für Erholung. Auch keine Zeit für Selbstanalyse, um über meine Empfindlichkeiten nachzudenken. Das hilft bei der Verarbeitung.“ Hat er noch Angst? „Ich nicht. Ich hoffe, die anderen auch nicht.“

Nach dem antijüdischen Attentat, dem erschreckendsten in Deutschland seit 1945, aber längst nicht dem ersten, gab es viele Zeichen der Anteilnahme und Solidarität von der Politik und der Gesellschaft. Tenor: So etwas dürfe sich niemals wiederholen. Doch Angriffe auf Juden gibt es regelmäßig, und sie nehmen zu. Rund 2000 antisemitische Straftaten wurden im vergangenen Jahr gezählt, 13 Prozent mehr als im Jahr davor. Viele werden jedoch gar nicht erfasst, weil die Opfer sich nicht trauen, Schmähungen, Beleidigungen und tätliche Angriffe zu melden. Experten schätzen, dass höchstens ein Viertel der Übergriffe angezeigt werden, aus Angst, dann erst recht angegriffen zu werden, oder aus Resignation, weil viele Juden das Gefühl haben, dass Polizei und Staatsanwälte bis heute nicht genau hinschauen, antisemitische Motive unterschlagen und die Täter nicht ermitteln oder die nicht verurteilt werden.

Woher kommt die Aggression, obwohl nur 150.000 Juden in Deutschland leben, weit weniger als vor dem Holocaust, und weshalb nimmt sie derart zu? „Der Hass ist stärker geworden“, sagt Max Privorozki, der Gemeindevorsteher von Halle, „jedoch nicht nur auf Juden, sondern allgemein in der Gesellschaft. Auseinandersetzungen in einem Gespräch oder Disput anzugehen, ist irgendwie verloren gegangen. Aggression und Hass herrschen statt Argumenten und Logik.“

Zum rechten Judenhass kommt der muslimische

Sergey Lagodinsky, Grünen-Europaabgeordneter und jüdischer Einwanderer aus Russland, drückt es pointierter aus. Der Hass auf Juden bis zur offenen Ablehnung und Gewalt habe zugenommen, weil zum Antisemitismus unter den Deutschen der migrantische hinzugekommen sei, nicht nur bei Muslimen. „Migranten kommen manchmal aus Kontexten, in denen die Rolle von Gewalt beim Austragen von Konflikten anders verstanden wird.“ Die Polarisierung der Gesellschaft sei insgesamt gewachsen. „Konflikte werden emotionaler, direkter. Was vorher in den Köpfen war, zeigt jetzt sein hässliches Gesicht durch Taten.“

Das zeigt sich auch und gerade in der Corona-Krise, wo Gegner der staatlichen Schutzmaßnahmen auf ihren Demonstrationen und in Internetforen Juden für die Pandemie verantwortliche machen, genauso wie Gleichgesinnte in ihnen die Urheber des angeblichen „Auslöschens“ der einheimischen Bevölkerung und Kultur durch muslimische Masseneinwanderung oder des globalisierten Kapitalismus sehen. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) registrierte allein von Mitte März bis Mitte Juni mehr als 120 antijüdische Vorfälle bei Corona-Kundgebungen. So trugen Teilnehmer Davidsterne mit der Inschrift „Ungeimpft“, eine Verharmlosung der Opfer der NS-Verfolgung, oder sie klagten „Zionisten“, „Rothschild“ oder „Soros“ als Verantwortliche für die Pandemie an. „Angesichts der vielfältigen, schwer durchschaubaren Bedrohungen flüchten sich manche in Verschwörungsfantasien“, sagt Lagodinsky. „Der Antisemitismus ist die Urform“ – nach dem alten Muster: „Der Jude ist an allem schuld. Er ist der Böse.“

Hass auf Juden ist unter Muslimen aus arabischen Ländern besonders ausgeprägt, aber er durchzieht schon die Geschichte des Christentums und des Abendlands seit der Antike. „Die gesamte europäische Zivilisation ist durchtränkt von der Antithese zum Jüdischen“, sagt Lagodinsky, der darüber 2014 ein Buch verfasst hat. „Diese Kontinuität ist vielen nicht bewusst, aber sie wird immer wieder reproduziert. Sie ist eine fast unvermeidliche Begleiterscheinung jeder Krise, wie wir sie gerade durchleben.“
Hinzu komme, dass die Tabuisierung des offenen Antisemitismus nachlasse. „Wir haben heute eine andere Generation, der zeitliche Abstand zur Schoa wird größer. Im Osten gab und gibt es einen anderen Umgang damit und weniger Bewusstsein für den Holocaust und die deutsche Verantwortung. Bei migrantischen Jugendlichen kommt die greografische Distanz dazu. Das alles sind großer Herausforderungen für Bildung und Erziehung.“ Ähnliches berichten Pädagogen, die Führungen durch KZ-Gegenstätten organisieren. Auch sie beobachten, dass die Kenntnisse über den deutschen Völkermord an den Juden Europas und das Interesse nachlassen.

Die Hemmungen fallen

Hemmungen, Juden offen anzugreifen, fallen dadurch offenbar weg. Lagodinsky, der säkular lebt, sagt: „Ich bin privilegiert, weil ich nicht sofort als Jude identifizierbar bin. Aber aus meiner Arbeit in den Führungsgremien der jüdischen Gemeinde in Berlin weiß ich, wie schnell Juden, die sich nicht verstecken, die Kippa tragen oder einen Davidstern, zur Zielscheibe werden. Das verunsichert viele und macht ihnen Angst. Sie geben sich deshalb nicht zu erkennen.“

Dank der Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion existieren an vielen Orten wieder lebendige jüdische Gemeinden, gut 100. Es wurden neue Synagogen errichtet und alte, in der Reichsproromnacht 1938 niedergebrannte, wiederaufgebaut. Es gibt jüdische Schulen und Kindergärten und Feste, aber all diese Einrichtungen müssten streng bewacht und geschützt werden. Oft fehlt bei den Verantwortlichen, nicht nur in Halle, wo die Gemeinde in höchster Gefahr lange auf die Polizei warten musste, die nicht einmal wusste, wo die Synagoge ist, das Gefühl und Bewusstsein für diese ständige Bedrohung. Vielfach müssen die Gemeiden selbst für ihre Sicherheit sorgen, berichtet der jüdische Journalist Ronen Steinke in seinem Buch „Terror gegen Juden“. Darin beschreibt er, basierend auf einer monatelagen Reise durch die Gemeinden und vielen Gesprächen nach dem Anschlag von Halle, wie die antijüdische Gewalt erstarkt und der Staat versage. „Es gibt heute wieder jüdisches Leben in diesem Land“, schreibt er. „Aber was es nicht gibt, auch nicht nach siebzig Jahren Demokratie und Grundgesetz: angstfreies jüdisches Leben.“

Sein Buch enthält eine erschreckende Chronik antisemitischer Angriffe, beginnend unmittelbar nach Kriegsende und der Befreiung von den Nazis im Sommer 1945 mit ersten Schändungen jüdischer Friedhöfe. Sie setzt sich fort 1970 mit einem Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim in München. Sieben Menschen starben, darunter zwei Holocaust-Überlebende. Bereits 1969 legte eine linke Terrorgruppe bei einer Gedenkfeier zu den Novemberprogromen im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin eine Bombe. Nur weil der Zeitzünder versagte, kamen die 250 Gäste, darunter der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, mit dem Schrecken davon. 1980 erschoss ein Rechtsextremist, Mitglied der verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann, in Erlangen den jüdischen Verleger Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin. Wie später beim NSU ermittelten Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst nur im Umfeld des Opfers – obwohl es eindeutige Spuren zum Täter und seinen mutmaßlichen Auftraggeber Hoffmann gab.

Antisemitismus verkleidet als „Israel-Kritik“

Antisemitismus kommt aus verschiedenen Richtungen. Nicht nur von Rechten und Islamisten, sondern auch von Linken und Liberalen. Bei ihnen verbirgt er sich nicht selten hinter Kritik an Israel und seiner Besatzungspolitik bis hin zu Boykottaufrufen der BDS-Bewegung gegen Waren aus Israel, auch in kirchlichen Kreisen. „Kritik an der israelischen Politik ist berechtigt. Sie wird immer dann antisemitisch, wenn sie an die alte Erzählung anknüpft von den Juden, die an allem schuld sind“, sagt Lagodinsky. „Antisemitismus ist zum Bindeglied für unterschiedliche Gruppen geworden, die sonst nicht an einem Strang ziehen“, sagt Hans Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, mit Blick auf die Corona-Demos. Klein wurde in der Mbembe-Debatte heftig angegriffen, weil er sich gegen den afrikanischen Kolonialismus-Wissenschaftler gestellt hat, der die israelische Besatzung der Palästinensergebiete für schlimmer erklärt als die Apardheid. Die Diskussion habe gezeigt, dass Antizionismus und Antisemitismus auch in der Mitte der Gesellschaft existiere, sagt er dazu. Auch Lagodinsky hält Antisemitismus, Antizionismus und pauschale Israelkritik für deckungsgleich.

Wie der Grüne wendet sich der CDU-Politiker Klein dagegen, Islamophobie mit Antisemitismus gleichzusetzen. Rassismus bedeute die Abwertung anderer Volkgsruppen. Im Antisemitismus äußere sich dagegen die Furcht vor einer angeblichen jüdischen Weltherrschaft. „Antisemiten überhöhen Juden als klüger, geschickter, geschäftstüchtiger, als diejenigen, die die Welt regieren. Und sie erniedrigen sie zugleich als minderwertig. Eine Paradoxie“, sagt Lagodinsky.

Die Angst vor den Uneindeutigen

Der Publizist Richard Herzinger vermutet die Wurzel des Antisemitismus noch tiefer. Denn was seien Juden eigentlich? Eine Glaubensgemeinschaft? Ein Volk? Eine Nation? Eine Kultur? „Diese offene Identitätsfrage ist es, die am Judentum seit jeher verwirrt und herausfordert. Und dass Israel, das seine Staatlichkeit auf der Basis solcher Uneindeutigkeit behauptet, damit auch die homogenen Identitätsmuster anderer Nationen in Frage stellt“, schreibt Herzinger. Die Vielschichtigkeit des Judentums wäre demnach die ewige Herausforderung für alle, die nach Eindeutigkeit und Identität streben, egal aus welcher Richtung. Die Quelle der Angst vor ihnen. Und des Hasses gegen sie.

Niemand dürfe gezwungen werden, in Angst zu leben, sagt der Hallesche Gemeindevorsteher Max Pivorozki. Alle müssten ihren Glauben frei ausüben können. „Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher politischen Ausrichtungen, unterschiedlicher Meinungen müssen gemeinsam auf die wichtigen Herausforderungen reagieren.“

(erschienen in Publik Forum 20/2020)

Sterben mitten im Leben


Gespräch mit den Leiterinnen eines Hamburger Hospizes und eines Hauses für individuelle Bestattungen und Trauerbegleitung, über Tod, Sterben und Abschiednehmen unter den Bedingungen der Corona-Pandemie.

Ludwig Greven: Frau Steinhauser und Frau Fuchs, wodurch sind Sie beide dazu gekommen, sich mit Tod und Sterben zu beschäftigen und das zu Ihrem Beruf zu machen?

Peggy Steinhauser: Bei mir war es nicht so, dass jemand gestorben ist und ich in besonderer Weise um ihn getrauert und mich deshalb diesem Thema zugewandt habe. Ich bin Theologin und wollte ursprünglich Pastorin werden, konnte mich dann aber nicht mit der Institution Kirche arrangieren und habe überlegt, was ich stattdessen mit diesem Studi-um machen kann. Dabei bin ich auf die seelsorgerliche Begleitung von Sterbenden und ihren An- und Zugehörigen gestoßen. Bei Praktika habe ich gemerkt, wie inspirierend es sein kann, Menschen in ihren existenziel-len Situationen zu erleben und zu begleiten. Ich habe durch sie auch eine Menge für mein Leben erfahren.

Mareike Fuchs: Meine Motivation hat zwei Seiten: eine spirituelle und eine weltlich-gesellschaftliche. Ich habe schon in der Studienzeit in der Alten-pfl ege gearbeitet. Eines Tages sagte eine junge Kollegin: Da ist eine Frau gestorben, ich gehe nicht in das Zim-mer. Sie hatte Angst davor. Mich hat das auch beunruhigt, aber mir war es wichtig, mich von dieser Frau zu verabschieden, weil ich sie über Jahre versorgt hatte. Als ich in das Zimmer kam, spürte ich eine große, tiefe Stille. Für mich war das eine wichtige Begegnung, auch mit Gott. Da hat sich bei mir ein Bild geformt. Ich empfinde die menschliche Lebenszeit wie das Brennen einer Kerze in einem Teelicht. Wenn wir sterben, ist die Flamme erloschen, aber die Hülle, das Äußere ist noch da. Das innere Licht ist nur weitergegangen. Während meines Sozialarbeitsstudiums in Osnabrück habe ich das Hospiz dort kennengelernt und erfahren, das Sterben als Teil des Lebens und den Tod als einen natürlichen Prozess zu begreifen, auf den wir unser ganzes Leben zusteuern. Mit Achtsamkeit und Liebe begleitet. Da wusste ich, da will ich arbeiten. Dazu kommt die weltliche Ebene: Hospize stehen da-für, dass im Tod und Sterben alle das gleiche Recht auf Begleitung haben, egal wie und was sie im Leben waren, ob Chefarzt, Fabrikbesitzer, Kapitän oder Hafenarbeiter. Da gibt es keine materiellen Unterschiede.

Wie hat sich die Arbeit für Sie durch die Corona-Krise verändert?

Fuchs: Wie in der gesamten Gesell-schaft bemerken wir im Hospiz eine große Verunsicherung. Was bedeutet es, wenn Menschen plötzlich in dieser Weise mit Verletzlichkeit und Sterblichkeit konfrontiert sind? Wie definieren sich Verantwortung gegenüber anderen und gegenüber mir selbst und Schutz im Miteinander? Im Hospiz verdichtet sich ohne-hin die Lebenszeit. Die Menschen bleiben bei uns im Schnitt vier bis fünf Wochen. Wir haben nicht die Möglichkeit, noch mal eine Kurve links oder rechts zu machen. Durch die gesetzlichen Auflagen ist es ein tägliches Auseinandersetzen: Was fordern Gesellschaft und Gesetz? Und was brauchen wir und die Menschen bei uns, um unserem hospizlichen Auftrag gerecht zu werden? Konkret wird das bei der Frage der Besuche. Für die Sterbenden sind Kontakte zu An- und Zugehörigen im Prozess des Abschiednehmens existenziell. Auf der anderen Seite trage ich Verantwortung für ein ganzes Haus mit 30 hauptamtlichen und 70 ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Dazwischen muss ich mich bewegen, um einerseits die Infektionswege möglichst gering zu halten, auf der anderen Seite die individuelle Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner aufrechtzuerhalten. Das ist jeden Tag ein Spagat.

Sind Corona-Patienten zum Sterben zu Ihnen gebracht worden?

Fuchs: Das geht nicht, weil gesetzlich festgelegt ist, dass wir keine Patienten aufnehmen dürfen, die infiziert und/oder durch das Virus erkrankt sind. Sie bleiben in den Krankenhäusern bis zum Lebensende oder bis die Erkrankung ausgeheilt ist.

Wie kann man jemandem beim Sterben helfen, wenn man Abstand halten und einen Mund-Nasen-Schutz und Handschuhe tragen muss?

Fuchs: Das ist eine Diskrepanz. Bei uns geht es viel um Trost. Das kann manchmal bedeuten, einfach nur die Hand auf den Arm zu legen, um zu zeigen, ich bin bei dir. Diese Geste kann mit einmal zu einer potenziellen Gefährdung werden.

Behindert es Sie auch bei der Begleitung der Angehörigen?

Steinhauser: Wir haben damit zu kämpfen, was dürfen wir bei Trauerfeiern und Bestattungen. Das ist für die Betroff enen meist hochemotional. Ich muss wie meine Kollegin jeweils abwägen, was können wir im Einzel-fall machen und wie bleibt der Schutz für alle gewährleistet. Ich führe stän-dig Gespräche mit Angehörigen, die in Not sind, weil wir gegenwärtig z. B. keine Trauerfeiern mit vielen Gästen durchführen dürfen. Das setzt mir zu. Aber bei allem Schmerz ist es im Moment mit Blick auf die Allgemeinheit die einzig vertretbare Entscheidung, nur eine begrenzte Zahl von Trauenden zuzulassen. Auch da gibt es Lockerungen.

Steinhauser: Zum Glück. Wir hatten vor einigen Wochen die Beisetzung eines älteren Hamburgers mit großem Freundeskreis. Da waren nur drei Trauernde am Grab, andere, die gedurft hätten, haben sich nicht getraut, weil sie hochbetagt sind. Wir überlegen nun, mit den Angehörigen und Freunden später eine Gedenkfeier zu organisieren. Es ist jetzt viel Kreativität gefordert. Aber schön sind diese Entscheidungen nicht.

Was bedeutet es für die Sterbenden, ihre Angehörigen und Freunde, wenn sie jetzt nicht voneinander Abschied nehmen können?

Steinhauser: Das kann man nicht nachholen, das ist ein Riesendilemma. Und das gilt nicht nur für an Corona Erkrankte. Ich hatte Gespräche mit Trauernden, die ihren dementen Vater im Pfl egeheim nicht besuchen durften, und als er dann an Corona erkrankte und verstarb, konnte er nicht begleitet werden. Die Angehörigen durften nicht einmal am offenen Sarg Abschied nehmen, weil der Verstorbene positiv getestet war. Das quält die Angehörigen, weil sie nicht wissen, wie es dem Vater am Lebensende ging, ob sie noch etwas für ihn hätten tun können, und sie ihn nicht mehr sehen konnten. Das ist ein großer Schmerz und für uns als Trauerbegleitende eine zusätzliche Herausforderung.

Fuchs: Auch bei uns im Hospiz ist es sehr wichtig, Angehörigen und Freunden den Abschied erfahrbar zu machen. Der Tod ist etwas Abstraktes. Wie fühlt sich das an, wenn der geliebte Mensch nicht mehr da ist? Es kann der erste Schritt für einen heil-samen Abschied sein, bei einem Ver-storbenen am Bett zu sitzen und zu sehen, wie sich der Körper verändert.

Nehmen jetzt mehr Menschen Ihre Angebote der Trauerbegleitung wahr?

Steinhauser: Eher weniger. Auch Beratungsstellen und Therapeuten be-richten, dass sich im Moment weniger Menschen an sie wenden. Das könnte auch damit zu tun haben, dass für viele gegenwärtig das eigene Überleben Vorrang hat. Solange dieses nicht ge-sichert ist, kann das auch die Trauer um geliebte Menschen, die verstorben sind, überlagern.

Es wird sehr kontrovers diskutiert, ob man alte, vorerkrankte, morbide Menschen, die ohnehin nicht mehr lange zu leben haben, vor dem Virus schützen muss um den Preis, das Leben aller einzu-schränken. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat darauf hin-gewiesen, dass der Lebensschutz nicht über allem stehe. Wie sehen Sie das?

Steinhauser: Der Schutz von Leben steht aus meiner Sicht obenan. Deshalb halte ich mich auch zurück, einzelne Maßnahmen zu kritisieren. Es ist ein so großes Bemühen da, Leben zu schützen, Alte, Junge, Kinder, dass klar ist, das kommt an oberster Stelle. Ich habe Hochachtung, dass so viele Menschen bereit sind, sich zu begrenzen, um sich und andere zu schützen.

Fuchs: Es ist im Großen wie im Kleinen ein Herantasten an Kriterien, an Wertigkeiten. Welchen Preis sind wir bereit für was zu zahlen. Die Hos-pizarbeit hat in Deutschland später begonnen als in anderen Ländern auf-grund unserer Geschichte. Dürfen wir ein Sterben beschleunigen, darf ein Arzt eine Auswahl treff en, diese Dame ist 84, ich beatme sie nicht mehr – das ist bei uns alles durch die Euthanasie der Nazis belastet. Wir haben dafür gekämpft, nicht zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Leben zu unterscheiden. Auf einmal stehen wir an einem Punkt, wo wir das wieder entscheiden sollen.

Vielleicht muss man einfach aushalten, dass es darauf keine Antwort gibt.

Fuchs: Ja, jeder Einzelne ist genauso viel wert, egal wie alt und krank er oder sie ist.

Es wird wenig darüber gesprochen, was es für schwer an Corona Erkrankte bedeutet, wenn sie über Wochen beatmet werden und dann doch oft sterben. Isoliert, einsam, ohne Begleitung und ins künstli-che Koma versetzt, also ohne Bewusstsein. Wäre es nicht humaner, die, die nicht zu retten sind, im Hospiz oder daheim sterben zulas-sen, unter Infektionsschutz, aber im Kreis ihrer Lieben?

Fuchs: Es gibt in diesen Fällen sicher nicht mehr die Zeit, sie woandershin zu verlegen, abgesehen davon, dass es nicht erlaubt ist. Mit dem Einstellen der Beatmung wird der Sterbeprozess eingeleitet. Man müsste eher überlegen, wie man dann einen Abschied ermöglicht. Sterbesituationen sind im Gesetz vom Besuchsverbot ausge-nommen. Die Einrichtungen müssen dann entscheiden, wieweit sie Besuche zulassen. Der Gesetzgeber hat das bewusst off engelassen. Das nutzen wir in unserem Hospiz, um die Rege-lungen etwas weiter auszulegen. Es sollte aber auch jeder für sich überlegen, was er für sich wünscht für den Fall, dass er schwer erkrankt, und eine Patientenverfügung machen. Corona ist zunächst mal eine akute Erkrankung, die an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen appelliert.

Ist der gesellschaftliche Druck nicht so groß, jeden zu beatmen, um ihn zu retten?

Steinhauser: Es kann jeder jeder Maßnahme widersprechen.

Aber nicht mehr, wenn er ins Koma versetzt ist.

Steinhauser: Jeder sollte es vorher schriftlich festlegen. Pflegeeinrichtungen haben damit begonnen, ihre Bewohner zu befragen, ob sie bei einer Infektion in eine Klinik verlegt werden wollen oder ob sie dort bleiben und im Fall des Falles versterben möchten. Die Einrichtungen folgen diesen Verfügungen und auch für Ärzte sind sie bindend.

Was würden Sie sich selbst wünschen, wenn es Sie beträfe?

Fuchs: Ich würde wünschen, dass medizinisch alles getan wird, weil die Infektion noch so unberechenbar ist. Man kann sehr gut gesunden. Ich würde daher, obwohl ich sonst da sehr skeptisch bin, auch beatmet werden wollen. Ich hätte auch nicht so viel Angst davor, alleine zu sterben. Aber ich würde mir Gedanken um meine An- und Zugehörigen machen, weil es ihnen sicher zu schaffen machte, von mir nicht gut begleitet Abschied nehmen zu können.

Steinhauser: Bei mir ist das ein bisschen anders. Ich habe ein hohes Vertrauen in die Mediziner und würde mich nicht generell gegen eine Intensivbehandlung wehren. Mir wäre aber wichtig, in jeder Situation entscheiden zu können, möchte ich diesen Schritt noch gehen oder nicht. Dieses Selbstbestimmungsrecht möchte ich nicht verlieren. Wenn ich wüsste, dass das gewährleistet ist, würde ich mich gut aufgehoben fühlen.

Also Autonomie bis zum Lebensende?

Steinhauser: Ich finde es generell wichtig, dass wir die Menschen viel mehr einbeziehen. Allen Medizinern und Pfl egekräften sollte bewusst sein, dass Patienten autonome Wesen sind, die nicht nur wissen müssen, sondern auch entscheiden können müssen, was mit ihnen geschieht. Es ist nicht im-mer leicht, gegenüber manchen Ärzten durchzusetzen, dass ein Mensch nicht um jeden Preis leben möchte, auch wenn es vielleicht noch die Chance auf Lebensverlängerung gibt.

Mareike Fuchs leitet das Hospiz Hamburg Leuchtfeuer auf St. Pauli in Hamburg. Peggy Steinhauser leitet das Hamburg Leuchtfeuer Lotsenhaus, das mit dem Hospiz zur gemeinnützigen Leuchtfeuer Stiftung gehört und individuell gestaltete Bestattungen, Trauerbegleitung, Kurse und Seminare anbietet.

aus Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates, Ausgabe 06/20

Die Welt wird eine bessere sein


Die Corona-Zeit kehrt in uns ganz neue, verschüttete Seiten hervor. Das Leben danach wird schöner sein

Wie lange diese nie gekannte, alle global verbindende Krise andauern wird, weiß niemand. Doch jeden Tag mehr weicht auch in mir die Furcht, das Entsetzen. Der Blick weitet sich. Auf die Mitmenschen. Auf die Zeit danach, wenn die Phase des Welt-Innehaltens vorbei sein wird. Wenn das alltägliche, gesellschaftliche, künstlerische Leben irgendwann zurückkehren wird, aber in völlig anderer Weise als wir es kannten.

In Wahrheit steht das Leben ja gar nicht still. Die Weltgesellschaft verwandelt sich gerade vielmehr in rasantem Tempo. Menschen helfen Menschen, Nachbarn ihren Nachbarn, Nationen anderen Nationen. Ärzte und Pflegekräfte kümmern sich unermüdlich um die Erkrankten, Leidenden, Sterbenden, unter Aufopferung ihrer letzten Kräfte, nicht selten ihres Lebens. Virologen arbeiten fieberhaft an neuen Erkenntnissen, Pharmaforscher unter Höchstdruck an einem Impfstoff und Medikamenten gegen das Virus. Laborassistenten, Apotheker, Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern und Politiker, die permanent schwerste Entscheidungen treffen müssen auf ungewisser Basis, sorgen sich darum, dass der Pandemie nicht noch viele Millionen Menschen mehr zum Opfer fallen. Und Kassierinnen, Regalauffüller und Produzenten von Lebensmitteln, Schutzmasken und Desinfektionsmitteln dafür, dass wir übrigen das Lebens- und Überlebensnotwendige erhalten, während wir vom Sofa daheim oder vor dem Computer nur zuschauen können und sollen.

Allein das führt zu einem Umwerten bisheriger Werte. Es lehrt Demut und Dankbarkeit, schafft zugleich Hoffnung, Vertrauen, Zuversicht. Wir lernen in der existenziellen Bedrohung, die vor niemandem halt macht, ob reich, ob arm, ob alt, ob jung, worauf es wirklich ankommt. Auf wen man sich verlassen kann, wenn es darauf ankommt, und auf wen nicht, vom eigenen Umfeld bis zum Staatenlenker. Menschen in Berufen, von denen unser privates und gesellschaftliches Leben abhängt, die aber zu oft im Schatten stehen, erfahren endlich die Wertschätzung, die sie schon immer verdient haben. Mehr als hochbezahlte Manager, Fußballtreter, Sternchen jeder Art.

Isoliert aber zusammen

In der erzwungenen Vereinzelung verbindet uns nie dagewesene Solidarität über alle Klassenschranken und vorerst geschlossenen Grenzen hinweg. Selbst solche, die sich sonst im identitären Neo-Tribalismus von Völkischen, Gruppenegoisten und Minderheitsfanatikern, der wahren Seuche der Neuzeit, geflissentlich separieren, achten auf Nähe in gebotener Distanz. Menschen singen gemeinsam vom Balkon, stellen Kerzen in die Fenster, beten in Gedanken zusammen, lächeln sich an. Sie organisieren Gigs in geschlossenen Clubs ohne Publikum und Gottesdienste ohne Gläubige und übertragen sie auf Youtube. Sie teilen im Netz Lektüre- und Musikempfehlungen, Backrezepte, Tipps für TV-Serien und Online-Museumsführungen, und für das Leben in der Quarantäne. Ihren Kummer, ihre Sorgen, Ängste, ihre Wünsche und Hoffnungen.

Die Welt als globales Dorf: Nie war es so wahr wie jetzt. Da mögen Nationalisten, Populisten und Weltverschwörungsverrückte noch so hetzen auch in dieser Schrecknis. Sie kommen nicht dagegen an, dass wir als Gattung nur bestehen können, wenn wir zusammenstehen.

Schon zeichnen sich neue Perspektiven ab. Eine: Glokalisierung. Die Globalisierung bringt neue Gefahren mit sich. Aber dass die Welt zusammenwächst ist ein Segen. Und nicht aufzuhalten. Doch sie muss und wird neu gedacht werden: global und lokal, regional. Denn weltweite Lieferketten, just in time, können, wie sich gezeigt hat, über Nacht zusammenbrechen. Also wird es wieder mehr regionale Produzenten,Vorräte und Lager geben, ohne die weltweite Vernetzung aufzugeben.

Menschliche statt künstliche Intelligenz

Eine weitere: Flexinnovation. In der Ausnahmesitutation zeigt sich einmal mehr, wie fix Menschen und Gesellschaften in der Lage sind, sich auf neue Verhältnisse einzustellen. Videokonferenzen statt Dienstreisen und -flüge; Homeoffice statt endloser Meetings und vertaner Lebenszeit im Büro – Familie, Kinder und Beruf verbindend in anstregender, aber beglückender Weise; Digitalunterricht wenn es in den Schulen und Unis nicht geht; riesige Hilfsprogramme für Firmen, Selbständige, Freiberufler und Künstler binnen Tagen ohne parteipolitisches Gewürge, ohne Lobbyschlachten; Spaziergänge statt Fernreisen; heimische Gymnastik statt Fitnessclub; Konzentration statt hektischem Stress: Das, was sich viele schon lange wünschten und was nebenbei dem Klimaschutz dient, ist plötzlich möglich. Und wird nicht verschwinden. Hoffentlich.

Eine dritte: Humanökonomie. Ohne permantes Wachstum geht es auch. Die Wirtschaft wird stark schrumpfen aufgrund des monatelangen Stillstands, viele Arbeitsplätze werden verloren gehen, eine globale Rezession droht. Aber sie wird nicht zusammenbrechen, sondern sich neu erfinden, menschlicher, weniger turbokapitalistisch. Und weniger technologiehörig.

Die wichtigste, alte Erkenntnis für mich jedoch: Jedes Leben zählt. Jeder ist wichtig. Auf niemanden können wir verzichten. Jeder, jede ist gleich: gleich wertvoll, gleich liebenswert. Wir hängen alle von einander ab. Materielle Dinge sind unwichtig. Auf Sie, auf Dich, auf mich kommt es an. Pass auf Dich auf, passen wir auf uns auf! Das wird bleiben.

(dritte, vom Optimismus getriebene Version meiner Kolumne für die April-Ausgabe der Zeitung Politik & Kultur des Deutschen Kulturrates. Die vorherige, ebf. in meinem Blog veröffentlichte Version war noch von Skepsis geprägt)