Archiv der Kategorie: Islam

Sehnsucht nach Gemeinschaft


In verschiedenen Ländern stehen Menschen auf gegen ihre Spaltung durch eine korrupte, autoritäre Führung. Aber auch bei uns zersplittert die Gesellschaft. Eine unheilvolle Entwicklung

Gerade lese ich einen guten Überblick in der FAS über den Aufruhr von Libanon über Hongkong, Chile, Irak, Bolivien bis Iran, geschrieben jeweils von besorgten Kulturschaffenden. Der Tenor ist ähnlich: Die Menschen wollen ihre Unterdrückung nicht länger hinnehmen. Was neu ist: Sie wollen zugleich die gesellschaftliche Spaltung überwinden. „Zum ersten Mal haben Libanesen aus allen Schichten ihre religiöse Identität zurückgestellt – und sich auf ihre nationale Identität konzentriert“, schreibt der Autor Gino Raidy aus Beirut. #wir_wollen_eine-heimat lautet der Protestslogan im Irak – Betonung auf „eine“: frei von konfessionellen, ethnischen oder regionalen Spaltungen.

Manche bei uns werden sicher bei dem Begriff „nationale Identität“ hellhörig, weil sie ihn im rechten Lager der AfD verorten. Aber er kommt von jungen Demonstranten quer durch alle Lager und Schichten und hat mit Nationalismus nichts am Hut. Vielmehr mit dem Wunsch und der Sehnsucht, sich als gleichberechtigter Teil einer Gemeinschaft zu fühlen, nicht mehr abgewertet gegenüber anderen Gruppen, vor allem der jeweils herrschenden Clique.

Das steht im Kontrast sowohl zu rechtem Denken bei uns, das Menschen anderer Herkunft, Religion oder Lebensvorstellungen ablehnt, abwertet und ausgrenzt. Aber auch zu Linksliberalen, die besonderen Schutz für bestimmte Minderheiten, z.B. die muslimische oder sexuelle, fordern und damit indirekt – ohne das sicherlich zu wollen – die Aufteilung nach Konfessionen, ethnischer Zugehörigkeit, Herkunft, sexueller Orientierung oder sozialer Stellung fördern: ein ebenfalls identitäres Denken.

Unterschiede werden betont

In einer freien, toleranten, aufgeklärten, säkularen modernen Gesellschaft darf es kein Hervorheben des einen oder anderen geben. Muslime sind nicht schlechter, aber auch nicht besser als Christen oder Ungläubige. Frauen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen, dürfen nicht diskriminiert, aber auch nicht besonders geschützt werden. Es hat schlicht keine Rolle zu spielen, sofern es nicht – wie in vielen Fällen – ein Zeichen für die Unterdrückung von Frauen ist.

Noch interessanter finde ich, dass der Wunsch nach Gemeinschaft ohne Unterschiede, auch nach Heimat, der sich in den Protesten in den genannten Ländern ausdrückt, ja auch bei uns weit verbreitet ist. Und zwar um so mehr, je mehr sich die Gesellschaft individualisiert, fragmentier und globalisiert. Sicher: Dass jede und jeder nach seiner Facon leben und glücklich oder unglücklich werden kann, über alle Grenzen hinweg, ist ein historischer Fortschritt. Aber es zerstört das Gemeinschaftsgefühl, ohne das das Individuum auf Dauer nicht leben kann.

In unserer westlichen Gesellschaft drückt sich der Tribalismus auf der „linken“ Seite in der Betonung der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen aus: Klimabewegte, Veganer, LSTQ usw. Es lässt andere, die anders, aus ihrer Sicht traditionell, reaktionär oder „falsch“ leben, außen vor. Nicht wenige erheben sich über diese Anderen – ein Spiegelbild der gegnerischen Seite. Deren völkische Exponenten stellen dem „das Volk“, die vermeintliche Mehrheit gegenüber, die keine schweigende mehr ist, sondern sich vor allem im Netz, seit Beginn der Pegida-Demos auf der Straße und an der Wahlurne äußert. Die aber tatsächlich eine Minderheit ist.

Intoleranz von recht wie links

Gemein ist ihnen, dass sie jeweils die Spaltung der Gesellschaft betreiben, die sie gleichzeitig beklagen. Wahre Gemeinschaft kann aber nur entstehen, wenn die Unterschiede zwar nicht geleugnet, aber zurückgestellt werden. Eine Heterosexueller ist nicht besser als ein Homosexueller. Eine Veganerin lebt nicht per se ethischer als ein Fleischesser. Ein alter Mann mit heller Hautfarbe hat keinen Hass verdient nur weil er keine weiße oder anders-hautfarbige junge Frau ist. Umgekehrt gilt das jeweils genauso. Es hat schlicht keine Rolle zu spielen.

Im Vordergrund sollte das stehen, was uns verbindet – über soziale Gräben, Abstammung, unterschiedliche Lebens-, Konsum- und Ernährungsstile hinweg. Jeder Mensch ist gleich viel wert. Er ist nicht gleich, aber gleich-würdig und -berechtigt. Und jeder ist anders: Das ist der Kern unseres aus dem christlich-jüdischen Erbe und der Aufklärung hervorgegangenen Menschen- und zugleich Gesellschaftsbilds. Es fußt auf der Freiheit und der Würde des Einzelnen, der aber frei und beschützt nur in der Gemeinschaft leben kann: einer Assoziation der Freien, wie es in der US-Verfassung heißt.

Das wiederum steht in absolutem Kontrast zu dem, wogegen sich etwa die Aufstände im Irak oder in Hongkong richten: der totalitäre Machtanspruch des politischen Islam und der chinesischen kommunistisch-konfuzianischen, staatskapitalistischen Diktatur, in denen der Einzelne nichts zählt und die religiöse bzw. politische Ideologie über Alles geht. Über Leichen und die Freiheit des Individuums wie der Gesellschaft.

Indem wir Freiheit und Toleranz bei uns gegen ihre Feinde von rechts wie links verteidigen, schützen wir unsere Gesellschaften vor den Bedrohungen von außen. Das wird kein leichter Kampf, weil das Gefühl für das, was uns jenseits individueller Unterschiede verbindet, verloren zu gehen scheint. Für jene, die Gemeinschaft ohne Freiheit, Toleranz und Respekt versprechen, ist das ein großes gefährliche Einfallstor.

Überreste des Frauenaußenlagers Neugraben des KZ Neuengamme

Warum Islamfeindlichkeit nicht das Gleiche ist wie Antisemitismus


Ich wohne seit einem halben Jahr im Süden von Hamburg am Rande der Heide und an Hügeln, die Harburger Berge heißen: Endmoränen der letzten Eiszeit, die bis vor 10.000 Jahren weite Teile Europas bedeckte. Auf einer der höchsten dieser Erhebungen soll einst der Pirat Klaus Störtebeker sein Versteck gehabt haben. Als ich jetzt zum ersten Mal diesen Falkenberg erklomm, sah ich am Fuß des Hügels eine merkwürdige Plattform. Unter Gras und Gestrüpp ist Beton zu erkennen. Was hat es damit in diesem Naturschutzgebiet auf sich, fragte ich mich. Ein Findling löste das Rätsel. Auf einer eingelassenen Platte steht: »An dieser Stelle war bis Februar 1945 eine Außenstelle des KZ Neuengamme. 500 jüdische Frauen mussten unter lebensgefährlichen Verhältnissen für Bauunternehmen im Süden Hamburgs Zwangsarbeit leisten.« Sie mussten auch Trümmer und Bomben räumen. Die Frauen kamen zum Teil aus Auschwitz. Als die Alliierten näher rückten, wurden die verbliebenen Jüdinnen ins KZ Bergen-Belsen gebracht. Von den wenigen Überlebenden starben die meisten dort auch noch nach der Befreiung an Unterernährung und Seuchen.

Ich saß eine ganze Weile auf einer Bank am Rand der Fläche und dachte darüber nach, wer wohl diese Frauen gewesen waren, aus welchen Gegenden Europas sie stammten, was sie für ein Leben geführt hatten, bevor sie hierher verschleppt wurden. Wie sie gelitten haben müssen bei der schweren, gefährlichen Arbeit, sommers wie winters, und wie sie in Baracken an diesem Platz zwischen Birken und anderen Bäumen bei schmalster Kost dahinvegetierten, bis sie an Auszehrung oder Schlägen starben: Vernichtung durch Arbeit, wie es die Nazis nannten. Ob sie Hoffnungen gehabt haben können, dieses Grauen zu überleben und ihre Lieben wiederzusehen? Oder ahnten sie, dass auf sie nur der Tod wartete?

Die Sonne schien, doch es wurde mir kalt. Ein Dreivierteljahrhundert ist das alles her. Aber die Vergangenheit lässt uns, lässt mich nicht los. Mein Vater war Nazi und Wehrmachtssoldat. Er hat an vielen Fronten des Zweiten Weltkriegs gekämpft. Er war auch in Polen im Einsatz. Ob er an Deportationen und der Ermordung von Juden beteiligt war? Ich weiß es nicht. Er hat wie die meisten seiner Tätergeneration mit uns Kindern nie darüber gesprochen. Doch seine dunkle Geschichte, meine Familiengeschichte, belastet mich bis heute. Mein Patenonkel, dessen Name ich trage, war U-Boot-Kommandant. Nach der deutschen Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr kurz vor meinem Geburtsjahr setzte er seine militärische Karriere im Bundesverteidigungsministerium problemlos fort.

Hört der Juden-Hass nie auf?

Ich bleibe, mit jetzt 63 Jahren, ein Kriegskind. Die NS-Zeit, der Holocaust überschatten auch mein Leben. Eine zufällige Begegnung mit diesem dunkelsten Teil der deutschen Geschichte wie bei diesem Spaziergang, mit dem Schicksal von Opfern der Shoah, weckt das alles wieder in mir. Mit 19 war ich für einige Wochen mit einer Jugendgruppe in einem Kibbuz. Die Kibbuzim waren großteils Überlebende aus Osteuropa mit biblischen Namen: Nathan, Abraham, Isaac. Wir waren die erste Gruppe junger Erwachsener aus Nachkriegsdeutschland, die in den Kibbuz durften. Mir war beklommen zumute. Ich spürte die schwere Schuld, auch wenn sie nicht meine ist. In einem Bus sprach uns eine ältere jüdische Frau in rostigem Deutsch an. Sie habe seit der Flucht aus Nazi-Deutschland nach Palästina nie wieder ihre Muttersprache benutzt, sagte sie mit stockender Stimme. »Aber ihr seid eine andere, neue Generation. Willkommen in Israel!« Es fühlte sich für mich wie eine Absolution an. Ein Stück Befreiung von der Last auch durch meinen Vater.

An all das muss ich immer denken, wenn ich von der stetigen Zunahme antisemitischer Gewalt höre und lese. Hört der Hass auf Juden nie auf? Aber genauso, wenn ich erfreut sehe, wie durch den Zuzug hundert-tausender Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wieder jüdisches Leben bei uns sprießt. Haben die Heutigen überhaupt eine Vorstellung, was uns durch den Holocaust auch an reicher jüdischer Kultur, Musik, Literatur und Intelligenz geraubt wurde?

Vor Kurzem war ich in einem Konzert jüdischer Musiker aus Russland und der Ukraine, die seit etlichen Jahren in Hamburg und Berlin leben. Sie spielten und sangen fröhliche jiddische Klezmer-Weisen aus der untergegangenen, zerstörten Welt der multikulturellen Schtetl in Osteuropa. Wie können Altnazis, Neonazis, Fremdenfeinde und zugewanderte Antisemiten aus dem arabisch-muslimischen Raum Menschen angreifen, die nichts anderes tun als wir und sie: ihre Kultur, ihre Religion leben, im Land der Täter, und uns damit beschenken? Nur weil sie Juden sind!

Eingewanderte Antisemiten

Ich höre gleich wieder den Einwand, dass für den Großteil der antisemitischen Taten Urdeutsche verantwortlich seien, nicht Muslime. Und dass Muslime ebenso Islamophobie und Angriff en ausgesetzt seien. Beides ist wahr, und doch lasse ich diese Relativierung nicht gelten. Kein Mensch darf wegen seiner Abstammung, seiner Herkunft, seiner Religion diskriminiert, abgewertet, gar attackiert werden – das ist die Lehre der NS-Ära. Sie währt für immer. Doch Antisemitismus und Islamgegnerschaft sind nicht zu vergleichen: Deutsche haben in einem einzigartigen Völkermord sechs Millionen Juden Europas ermordet – wegen ihres Glaubens, vor allem aber wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen »Rasse«. Muslime bilden keine Volksgruppe, keine »Rasse«; sie waren und sind einem solchen rassistischen Menschheitsverbrechen nicht ausgesetzt. Im Gegenteil: Muslimische Araber haben mit den Nazis kooperiert – im Hass auf die Juden vereint. Muslimische Glaubenskrieger, Islamisten genannt, töten auch heute Angehörige anderer Religionen und Ethnien als »Ungläubige«: Im Sindschar-Gebirge zwischen Irak und Syrien haben sie tausende Jesiden abgeschlachtet. In Frankreich auf bestialische Weise Holocaust-Überlebende, Kinder in einem jüdischen Kindergarten, Besucher eines koscheren Supermarkts in Paris nach dem Überfall auf »Charlie Hebdo«. Auf Sri Lanka an Ostern hunderte Christen. Am meisten indes andere Muslime.

Das rechtfertigt in keiner Weise Angriff e auf Muslime, die friedlich unter uns leben. Aber es macht klar, dass sich ein plattes Nebeneinanderstellen von Antisemitismus und Gegnerschaft gegen den Islam oder Muslime verbietet. Juden waren und sind Opfer seit alters her – weil sie zum jüdischen Volk gehören, nicht weil sie an Jahwe glauben. Muslime dagegen waren und sind auch Täter, genauso wie Christen. Was das mit dem Islam und dem Koran zu tun hat, ist hier nicht Thema. Aber jeder, der in Deutschland lebt und leben möchte, muss eine Kernverpflichtung unserer Gesellschaft, unseres Staates beachten: In diesem Land und von ihm aus dürfen Juden nie wieder Opfer werden!

Solidarität mit Israel

Das bedeutet auch, dass alle in Deutschland Lebenden zur Solidarität mit Israel als Heimstatt und Rettungsland der Juden verpflichtet sind. Bei aller berechtigten Kritik an der unversöhnlichen, friedensfeindlichen Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern können wir im nicht endenden Nahostkonflikt nicht neutral sein. Das Existenzrecht Israels ist unverhandelbar – ob irgendwann hoffentlich neben einem Palästinenserstaat oder in einer Ein-Staat-Lösung. »Israelkritik« kann und darf keinen Raum haben, genauso wenig wie Aufrufe zum Boykott israelischer Waren unseligen Angedenkens. Hinter solchen radikalen Anfeindungen des Zionismus verbirgt sich in aller Regel nichts anderes als eine Spielart des Antisemitismus.

Den Islam, insbesondere seine fundamentalistische, intolerante, Frauen, Andersgläubige und die westliche Kultur verachtende mehrheitliche Auslegung und Praxis hingegen darf man kritisieren. Wie jede Religion. Wie auch extremistische, aggressive jüdische Glaubenspraxis. Dazu verpflichtet das Erbe der Aufklärung. Beim Gedenken an die Opfer der schlimmsten Epoche des Antisemitismus wie an den Harburger Hügeln jedoch hört jede Kritik auf. Da kann es nur Trauer und Scham geben.

Leicht gekürzte Fassung meiner Kolumne in der neue Ausgabe der Zeitschrift Politik & Kultur des Dt. Kulturrats