Ehe nicht für alle – ein letztes Tabu


Seit Sonntag dürfen Lesben und Schwule in Deutschland einander ehelichen. Das ist sicher ein Fortschritt für die Gleichstellung der Homosexuellen. Aber längst nicht alle Homosexuellen wollen heiraten, genauso wenig wie alle Heterosexuellen. Und auch jetzt darf nicht jede(r) heiraten, in manchen Fällen mit fragwürdiger Begründung. Deshalb halte ich den Hype um die „Ehe für alle“ für übertrieben und den Ausdruck für Quatsch.

Linke und Grüne, die die Öffnung der Ehe gegen zuletzt nur noch mauen Widerstand durchgesetzt haben, haben lange gegen dieses Relikt einer bürgerlichen Zwangsinstitution gekämpft, wie sie es nannten. Jetzt feiern sie ihren Erfolg als großen gesellschaftlichen Durchbruch – ganz schön verquer.

Der Begriff ist auch deshalb irreführend, weil bestimmte Gruppen weiterhin von der Eheerlaubnis ausgenommen sind. Verboten bleiben zum Glück Kinderehen – keine Selbstverständlichkeit. Der vor einer Woche unfreiwillig aus dem Bundestag ausgeschiedene Grünen-Abgeordnete Volker Beck, entschiedenster Vorkämpfer der Homo-Ehe, wollte einst immerhin „gewaltfreien“ (?!) Sex mit Kindern erlauben, auch wenn er heute davon nichts mehr wissen will. Und unter den Flüchtlingen und Migranten gibt es manche, die mit minderjährigen Mädchen in der Heimat eine Zwangs- oder freiwillige Ehe eingegangen sind. Der noch amtierende Justizminister Heiko Maas wollte all diese Ehen pauschal aufheben lassen, ohne Rücksicht auf den Willen der Betroffenen.

Nicht erlaubt sind ferner Mehrfachehen. Weder polygame etwa bei Muslimen, die nach Deutschland kommen (Linke und Grüne, die sonst so viel Rücksicht auf kulturelle Eigenheiten nehmen, haben in diesem Fall nichts dagegen, dass Zweit-, Dritt- und Viertfrauen nach deutschem Recht als unverheiratet gelten), noch Gruppenehen. In den Niederlanden, wo die „Ehe für alle“ schon länger gilt, wird selbst das diskutiert.

Verboten bleiben auch Hochzeiten unter Geschwistern und nahen Verwandten – mit einer verfassungsrechtlich höchst zweifelhaften Begründung, ähnlich wie bei Schwerbehinderten, deren Verbindung ebenfalls nicht erwünscht ist. Nämlich mit dem eugenischen Argument, dass daraus mit einiger Wahrscheinlichkeit behinderte Kinder hervorgehen können.

Das kann aber kein Grund sein, liebende Menschen daran zu hindern, sich aneinander zu binden. Schließlich sind auch bei Nichtblutsverwandten und Nichtbehinderten, ob ehelich verbunden oder nicht, behinderte Kinder nicht ausgeschlossen. Behinderte haben zudem dasselbe Lebensrecht wie Nichtbehinderte. Und nicht jede Ehe führt zu Kindern, heute weniger als früher. Hier, vor allem bei geistig behinderten Mädchen und Frauen, die häufig noch immer ohne ihr Einverständnis sterilisiert werden, lauert ein echtes letztes Tabu. Darum sollten sich Grüne und Linke kümmern. Hier geht es um Menschenrechtsverletzungen. Nicht bei Schwulen und Lesben, sofern nicht auch sie behindert sind. Die können sich wehren und ihr Leben gestalten, wie sie möchten. Jetzt auch mit Trauschein.

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Zorn auf die G20-Krawalleros: Besuch an der Schanze


Ein netter Abend im Hamburger Schanzenviertel: Einkaufsbummel, Flanieren, Essen beim Griechen. Ein quirliges, buntes, halb gentrifiziertes und deshalb interessantes Quartier – wenn da nicht noch immer die Spuren der Gewalt und der Verwüstung von den beiden Krawallnächten beim G20-Gipfel wären: die damals geplünderte und gebrandschatzte Drogerie-Filiale von Bundniskowski ist noch immer zugenagelt, drinnen geht der Verkauf improvisiert weiter. „Bald sind wir wieder ganz für sie da“, verkündet ein Schild. Vor dem „entglasten“ ehemaligen Schaufenster prangt ein Banner: „Danke für die Solidarität“ – durch jene Schanzenbewohner und sonstigen Hamburger, die wie ich entsetzt über dieses Ausmaß hirnloser Gewalt im eigenen Viertel waren und sind.

In einem Geschäft für Vintage-Möbel, wo meine Frau und ich ein Regal kaufen, erzählt uns der türkische Besitzer, dass er und seine Brüder und weitere Mitglieder der Familie an den beiden Tagen im Geschäft waren, um es zu beschützen. Schließlich haben sie das Alles mühsam aufgebaut. Und wie viel Angst sie hatten. Zum Glück haben die linksextremen Spnner, die sich Autonome nennen, nur Schaufenster, Tür und Fassade beschädigt. Rein schafften sie es nicht. „Sonst hätten die wahrscheinlich innerhalb von Minuten alle Ware mitgenommen und das Geschäft zerstört“, sagt er. Weil er und seine Brüder den Laden seit 28 haben und noch nie einen Schaden hatten, zahlt die Versicherung, Aber nicht für die Umsatzausfälle.

Die Verkäuferin in einem Klamottengeschäft erzählt, dass ihr Chef an dem schwarzen Freitag unbedingt aufmachen wollte, obwohl sie alle aus Angst dagegen waren. Sie musste dann stattdessen in einer Filiale in Altona aushelfen. „Da war es auch nicht besser.“ Der Laden an der Schanze blieb zu seinem und zum Glück meiner Frau verschont. Auch hier „nur“ Geschäftsverluste.

Socrates, der mit seiner Familie seit 40 Jahren auf der Schanze ein uriges griechisches Restaurant betreibt, wo auch schon viele Promis verkehrten und wo wir im Hof lecker essen, berichtet, dass er an dem Tag der Gewalt die Gäste um 21 Uhr nach Hause schicken musste, „weil ich ihre Sicherheit nicht mehr garantieren konnte“. Auch hier zum Glück nur Schäden außen, wie bei einem netten Hostel ein paar Häuser weiter, wo viele junge Leute fröhlich im Garten sitzen, essen und trinken. Darunter womöglich auch einige, die vor zwei Wochen ihren jetzigen Gastgebern die Scheiben eingeschlagen haben. Genauso wie beim „Nur-hier“-Bäcker an der Ecke.

Socrates sagt, viele treue Stammgäste seien an den Krawalltagen weggeblieben. „Aber seitdem kommen viele neue, um uns zu unterstützen“. Kulinarische Solidarität!

Der Grieche Socrates und die türkischen Möbelverkäufer kamen wahrscheinlich einst auch als Flüchtlinge – vor den Miltitär-Putschisten und Obristen in Athen und in Ankara. Aber das interessiert die dummen Linksautonomen nicht, obwohl die sich ja für die Speerspitze im weltweiten Kampf für die Unterdrückten, Ausgebeuteten und Migranten halten. Aus ihrer Sicht sind die erfolgreich integrierten Einwanderer nun Teil des verhassten „kapitalistischen Schweinesystems“. Und deshalb zu bekämpfen.

Verrückte Welt.