Steinbrück wahres Schatten-Kabinett


Der SPD-Kanzlkerkandidat beruft Florian Pronold, den Vorsitzenden der chronisch erfolglosen Bayern-SPD, in sein „Kompetenzteam“, erfahren wir heute. Eine weitere wenig überraschende Personalie, die man eher schulterzuckend zur Kenntnis nimmt. Denn womit ist dieser junge Karriere-Politiker und Sparkassen-Angestellte bislang aufgefallen, worin ist er kompetent?

Ein wenig bekannt war er einst kurzzeitig geworden, als er als Juso-Landeschef ein (erfolgloses) Mitgliederbegehren gegen Schröders Agenda 2010 startete und er im bayerischen Kruxifix-Streit die Christus-Figur als „Latten-Gustl“ schmähte. Aber sonst?

In Wahrheit folgt Steinbrück mit seiner Schatten-Regierungsmannschaft, die nun Woche für Woche „enthüllt“ wird, wohl dem altbekannten Strickmuster, vor allem die Partei zufrieden zu stellen. Die Bayern-SPD muss eine Woche vor der Bundestagswahl die Landtagswahl bestehen. Also soll Pronold dafür etwas Glanz abbekommen. Wird aber auch nicht helfen. Dazu den ollen Gewerkschafter und Agenda-Gegner Wiesenhügel (nomen est omen) als Beruhigung für diejenigen in der SPD, die bis heute mit den Sozialreforme(r)n hadern; die muntere Sozialministerin Schwesig aus Meck-Pomm als Strahlefrau für alles Soziale; eine Berliner Web-Designerin als Signal an web-affine jüngere Menschen, dass die SPD auch ein bisschen hip ist; und noch ein paar verdiente Leute wie Matthias Machnig, Schröders früheren Kampa-Manger, den SPD-Gesundheitspapst Karl Lauterbach mit der Fliege und Thomas Oppermann, Fraktions-Geschäftsführer und Medien-Bediener mit Drang zu Höherem.

Funken schlägt Steinbrücks Personal bislang nicht. Vielmehr verstärkt die einfallslose Truppe den Eindruck, dass der frühere Finanzminister die Hoffnung, im Herbst tatsächlich ins Kanzleramt einzuziehen, mehr oder weniger aufgegeben hat. Sonst würde er wahrscheinlich andere Leute holen. Aber vielleicht möchten sich andere, die mehr ausstrahlen würden, angesichts der schlechten Aussichten auch nicht mit der sozialdemokratischen Verlierertruppe in Verbindung bringen lassen.

Warten wir ab, wenn Steinbrück noch aus dem Hut zaubert. Womöglich ist doch noch eine Überraschung dabei…

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Stefan Raab im Wahlkrampf: Schlag die Merkel


Der Bundestags-Wahlkampf, noch gar nicht richtig begonnen, sinkt bereits auf Trash-Niveau: Der TV-Entertainer Stefan Raab soll allen Ernstes die Kanzlerkandidaten-Duelle moderieren. Tiefer geht’s nimmer, denkt man da – aber wer weiß…

Ach, was waren Wahlkämpfe im Vergleich dazu früher langweilig! Da fuhren Kanzler und Kanzlerkandidat in Sonderzügen durchs Land, hielten auf Marktplätzen Reden und streichelten Kinder. Helfer klebten fleißig Plakate und verteilten Kugelschreiber mit den Konterfeits der Wahlkreisbewerber. Manche Wähler interessierten sich gar für die Programme, mit denen die Parteien antreten. Wie sinnlos!

Heute dagegen sind Wahlkämpfe durchchoreografierte Show-Ereignisse. Die Kampagneros der Parteien inszenieren schon die Kandidatenkür als funkelnde Revue. Zu fetziger Musik ziehen die Matadore ein, die richtige Lichtstimmung und jubelnde Anhänger mit einprägsamen Papptafeln (“Angie for ever“, „Peer bringt’s“) sorgen dafür, dass die entscheidende Botschaft rüberkommt: Unser Kandidat ist kämpferischer, kompetenter, unterhaltsamer, redegewandter, vor allem telegener.

Als Showdown messen sich die beiden Spitzenbewerber im TV-Duell. Von ihrer jeweiligen Performance hängt nach Ansicht der Wahlexperten ab, ob die verwöhnten Bürger ihnen ihre Gunst schenken. Entsprechend wird die Kandidatenshow bis ins Kleinste vorbereitet – bis zur Auswahl genehmer Moderatoren.

Die sollten bislang möglichst ausgewogen beiden Bewerbern abwechselnd Fragen stellen, damit die ihre einstudierten Statements absondern konnten. Schließlich kommt es nach allgemeiner Auffassung nicht auf die Inhalte an, sondern auf das Showtalent der Kandidaten.

Daher ist es nur konsequent, dass der Privatsender ProSiebenSat1 in diesem Jahr den TV-Entertainer Stefan Raab die Kanzler-Duelle moderieren lassen will. Wer wäre besser geeignet, die dröge Redeschlacht in eine spannende Unterhaltungsshow zu verwandeln? Schließlich hat der gelernte Metzger und abgebrochene Jura-Student dem deutschen Fernsehvolk schon so großartige Ereignisse wie die „Wok-WM“, das „TV total Turmspringen“, eine „Autoball-Europameisterschaft“ und das Fernsehduell „Schlag den Raab“ serviert. Da wird er auch für Angela Merkel gegen Peer Steinbrück sicher ein neues, schrilles Format entwickeln.

Die Kanzlerin und der SPD-Herausforderer könnten sich beispielsweise im Euro-Krisen-Dramatisieren messen, die Höhe der Schulden x-beliebiger Länder erraten, Steuersätze auswürfeln
oder ihre Wahlprogramme um die Wette verspeisen. Wer im Finale dann den Wahl-Jackpot knackt, darf ins Kanzleramt einziehen.

ARD und ZDF werden Stefan Raab vermutlich Günter Jauch zur Seite stellen. In dessen Show-Teil „Wer wird Kanzler?“ müssten Merkel und Steinbrück auf dem heißen Stuhl abwechselnd knifflige Fragen beantworten. Die Zuschauer dürften ihnen mit einem Saal-Joker helfen, aber nicht vorsagen. Auch hier ist Spannung bis zum Letzten programmiert.

Sage also keiner, dass Politik nicht unterhaltsam sein kann! Es kommt nur auf die richtigen Entertainer an. Schließlich ziehen Raab, Jauch & Co weit mehr Zuschauer an als Bundestagsdebatten oder Parteitags-Zusammenfassungen auf Phoenix.

Dumm nur, dass sich nicht alle Wähler für dumm verkaufen lassen wollen. Viele waren schon in der Vergangenheit von den nach US-Vorbild zu Mega-Events hochstilisierten Kandidaten-Duellen angeödet und pfeifen auf TV-Klamauk wie in Raabs neuer Polit-Show „Absolute Mehrheit“ oder viele der ritualisierten Talkshows. Sie möchten wissen, wer welche Konzepte für die Zukunft des Landes hat. Und nicht, dass sich Politiker zur Minna machen lassen.

Merkel und Steinbrück wären deshalb gut beraten, sich der Raab-Lachnummer zu widersetzen. Ein bisschen Würde darf in der Politik schon sein. Den Rest können sie getrost abgehalfterten Kollegen wie Norbert Blüm oder Heide Simonis überlassen, die sich im Fernsehen zum Affen machen. Oder Dauer-Talkshowgästen wie Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und Heiner Geißler. Denn merke: Es kommt nicht auf die Einschaltquoten an, sondern darauf, die Wähler zu überzeugen. Ganz seriös. Und keineswegs langweilig.