Über den Zwangskollektivismus der Identitären rechts und links


Die Völkischen und die Verfechter von Multikulturalismus & diverser Minderheiten sind sich viel ähnlicher als sie glauben: Beide Gruppen suchen krampfhaft nach sozialer Identität in einer unübersichtlichen, entgrenzten Welt.Jeder Mensch hat offentlich kaum veränderliche Urbedürfnisse. Dazu gehört zu einen, Gemeinschaft zu suchen, weil nur Kollektive Sicherheit gewähren vor anderen Idividuen und Gruppen mit antagonistischen Interessen. Zum anderen, sich von ebendiesen Kollektiven abzuheben, um individuelle Freiheit zu gewinnen.

In modenen, offenen Gesellschafen wie der unsrigen, in denen sich tradionelle Gruppen- , Schicht- und Klassenzugehörigkeiten in starkem Maße verflüchtigt haben, versuchen die einen,  die ängstlichen Materialisten, verlorene kollektive Sicherheit wieder zu gewinnen, indem sie die Bedeutung von Volk & Nation als identitätsstiftende Merkmale betonten, in Abgrenzung von Fremden und deren Kultur. Die anderen,die materiell meist bessergestellten, hedonistischen Postmaterialisten, indem sie ihre Zugehörigkeit zu einem „besseren“, modernen, weltoffen-kosmopolitischen, multikulturellen und fremdenfreundlichen Milieu hervorheben.

Letztlich aus einem sehr ähnlichen Motiv: Auch sie möchten sich verorten & beheimaten und abgrenzen von anderen.

Nachgeholte Entkollektivierung in Ostdeutschland

In der alten bundesrepublikanischen und der engen DDR-Gesellschaft bis 1989 begründete sich wie in allen traditionellen Gesellschaften die kollektive Identität in Zugehörigkeit zu angestammten Milieus und sozialen Klassen/Schichten/Gruppen/Familie. Diese Bindungen haben sich im Westen seit dem kulturellen Umbruch Ende der 1960er Jahre mehr und mehr aufgelöst, im Osten schlagartig und nachgeholt mit dem Ende der zwangskollektiven SED-Diktatur. Zurück bleiben Individuen, die einerseits befreit sind von Begrenzungen des Lebens, die solche soziale Einbindungen mit sich bringen. Die aber andererseits als Vereinzelte zunehmend verzweifelt wiederum nach kollektiver Identität und Verbindung mit anderen, Gleichgesinnten suchen, die eine vergleichbare Lebensweise verfolgen.

Womöglich ist dies der Grund für die zunehmende Radikalität, mit der sich die Identitäten von Rechts und Links von einander abstoßen und verbal, manchmal sogar körperlich bekämpfen. Und weshalb sie sich in der ehemaligen DDR noch stärker äußert.

Auch dies ist wohl Ausdruck tiefer sozialer Verunsicherung: Insgeheim erkennen beide Seiten auf der jeweils anderen das sehr ähnliche Motiv & Bedürfnis. Und lehnen die Gegenseite umso mehr ab. Denn in dem Bemühen, sich als Gemeinschaftswesen in einer fragmentierten Gesellschaft sozial zu identifizieren, müssen sie erschrecken, wenn sie in ihrem Inneren widerwillig registrieren, dass ihr Bestreben letztlich nicht aufgeht und die Abgrenzung von anderen sozialen Gruppen zusammenbricht.

Rückkehr von Ideologien

Denn dann sind sie als Individuen in ihrer existenziellen Verunsicherung wieder ganz auf sich geworfen. Ohne Hoffnung auf Heilung ihrer sozialen Einsamkeit in einem gemeinschaftlich konstruierten Kollektiv.

Ideologien, deren Rückkehr wir erleben bei den Völkischen der AfD & den Pegidisten wie bei den radikalen Verfechtern linker Identitätspolitik, ebenso und noch stärker bei fundamentalistischen Religionsanhängern wie den Islamisten, haben die gleiche Funktion: Sie sollen Gemeinschaftsidentität stiften. In traditionellen Milieus wie der Arbeiterklasse, dem Bürgertum und der besitzenden & herrschenden Klasse entsprachen die klassischen politischen Ideologien (Marxismus/Sozialismus/Kommunismus, Konservatismus, Liberalismus, kath. Soziallehre) weitgehend der jeweiligen Klassen- und Gruppenzugehörigkeit und den damit verbundenen Interessen. Heute, wo sich diese Milieus auflösen, wirken die neuen bzw. wiederbelebten Ideologien auf allen Seiten konstruiert und aufgesetzt. Und werden vermutlich gerade deshalb mit demselben, übersteigerten Eifer und wachsender Aggressivität verfolgt.

Die Bedeutung der sozialen Mitte

Um so wichtiger ist die gesellschaftliche Mitte, die sich traditionell dadurch auszeichnet, in sich gefestigt zu sein und sich ihres Werts bewusst zu sein. Deren Angehörige sich deshalb nicht beständig abgrenzen zu müssen glauben von anderen – von Schwulen/Lesben/Transgender, Verfechtern einer Willkommenskultur, FeministInnen usw. die einen, von Rassisten, „Nazis“, Fremdenfeinden usw. die anderen.

Doch die Mitte bröckelt – zu beiden Seiten. Ausdruck davon ist das Schrumpfen der alten Volkspartein CDU/CSU und SPD, die in der bundesrepublikanischen Gesellschaft klassen- und schichtübergreifend für den Ausgleich unterschiedlicher sozialer und kultureller Interessen sorgten.

Die Einzigartigkeit und Würde des Idividuums

Letztlich äußert sich in dem verkrampften Bemühen der Identitäten jeder Richtung die uralte Widersprüchlichkeit des Menschen aus: Es/sie strebt nach Sicherheit wie nach Freiheit. Das westliche, christlich-jüdisch geprägte Gesellschaftsbild hebt diesen Widerspruch auf, indem es sich aus der Einzigartigen des Einzelnen begründet, der seinen Wert und seine Würde aus sich erhält und gerade dadurch zum Gemeinschaftswesen wird – als Mitglied einer Gemeinschaft der Freien.

Diese Spannung auszuhalten fällt heute, in Zeiten einer globalen Verunsicherung und Entgrenzung, des Verlustes alter Gewissheiten und Entwertung traditioneller Werte, offensichtlich vielen schwer. Wenn wir jedoch nicht in die (zum Glück untergegangene) Ära eines verordneten Kollektivismus und alter/neuer Ideologien zurückfallen wollen, gibt es dazu keine Alternative.