Europa ist die Alternative für Deutschland


In diesem Jahr könnte sich die Zukunft der deutschen Demokratie und der EU entscheiden. Viele erregen sich aber lieber über Goldsteaks von Fußballern. Und Provokationen der Rechten.

Hinter uns liegt ein aufwühlendes, ätzendes Jahr. Mit dem endlosen GroKo-Gewürge, dem eingeleiteten Machtwechsel von Merkel in eine ungewisse politische Zukunft, Trumps fast täglichem Irrsinn, den nicht endenden Kriegen in Syrien und Jemen, der Ermordung eines oppositionellen Journalisten durch Schergen des saudischen Kronprinzen und vielen Schrecknissen mehr. Das begonnene Jahr dürfte kaum weniger aufregend werden. Stoff genug für weitere Kolumnen. Und Gründe genug, sich als wache Künstler, Musiker und Bürger einzumischen.

Bedeutsam werden die Landtagswahlen im Osten und besonders die Europawahl im Mai. Je nach Ausgang werden sie Aufschluss geben, wie es mit der demokratischen Kultur und einem friedlichen Miteinander in Deutschland und auf unserem Kontinent weitergeht. In Sachsen droht die AfD im Herbst stärkste Partei zu werden; bei der Bundestagswahl war sie es dort schon. Zumindest könnte sie so stark werden, dass manche in dem rechtslastigen CDU-Landesverband ernsthaft überlegen, mit ihr zu koalieren. Es wäre ein Dammbruch. Und würde die üble Partei, die immer mehr ins Braune changiert, zur „normalen“ politischen Kraft adeln. Ähnlich der ersten Machtbeteiligung der FPÖ in Österreich vor 20 Jahren.

Dass sich Solches in Deutschland wiederholt, ebenfalls nach vielen Jahren eines schwarz-roten Niedergangs, gilt es mit aller Kraft und Phantasie zu verhindern. Ohne freilich die AfD zu dämonisieren und ihr dadurch erst recht Wähler zuzutreiben. Denn wenn demokratische Parteien, Medienvertreter und Künstler gemeinsam gegen sie Front machen wie in Chemnitz, verschafft das zwar ihnen und ihren Unterstützern das wohlige Gefühl, auf der „richtigen“ Seite zu stehen. Aber es bewirkt wenig. Skeptische Bürger, die sich von den „Systemparteien“, der „Lügenpresse“ und den Kunstschaffenden nicht mehr vertreten fühlen, wird es nicht abhalten, ihr Kreuz bei den Rechten zu machen. Und deren fanatische Anhänger wird es nur bestärken, sich als Verfolgte zu fühlen. Und sie noch mehr verhärten.

Wie wäre es stattdessen damit, die AfD mal für eine Weile beiseite zu lassen. Und uns auf unsere Stärken zu besinnen: ein Miteinander in bunter Vielfalt; geistvolle Gespräche, Veranstaltungen und Debatten wider die schrecklichen Vereinfacher; unsere – trotz aller Probleme und Schwächen –demokratische, liberale, weltoffene politische Kultur; die Freiheit des Lebens, Denkens, der Kultur; auch unseren Sozialstaat und den Wohlstand, den es gerechter zu verteilen gilt.

Themen gibt es genug, über die sich zu debattieren lohnt und die angepackt werden müssten – von der Wohnungsnot über die wachsende Spaltung der Gesellschaft bis zum miserablen Zustand von Schulen, Theatern und Kliniken. Jede und jeder in seinem Umfeld. Ohne auf die große Politik zu warten, die sich zu oft mit sich selbst beschäftigt. Wer aber ständig auf die AfD und ihre Volksverführer starrt, erstarrt in Angst. Das lähmt.

Europa ist unsere Sache – nicht die der Rechten und der Staatslenker

Bei der Europawahl geht es im Grunde um dasselbe. Nur auf supranationaler Ebene. Werden im Europaparlament künftig noch mehr EU-Feinde sitzen, gar als eine der stärksten Fraktionen? Werden sie das politische, geistige und kulturelle Klima quer durch Europa weiter vergiften, Hass und völkische Abschottung predigen, den notwendigen Zusammenhalt gegen die Gefahren von Innen und Außen noch mehr unterminieren? Oder werden die Bürger dieses wackelnden, aber noch immer geeinten Europas aufstehen gegen ihre Gegner: gegen die Brexiteers, die Orbàns und Kaczynskis, die Kurz‘, Straches und Salvinis, gegen Le Pen und ihre Spießgesellen, die allesamt zurückwollen in eine Vergangenheit, die Europa schon mehrfach in den Untergang geführt hat?

Lasst uns, die Bürger Europas, die EU, dieses ungeliebte, komplizierte, manchmal bürokratische und bürgerferne eigentümliche Gebilde, das doch alle Zuneigung verdient, weil es einzigartig ist auf der Welt, verteidigen und zu unserer Sache machen! Zu unserem menschenfreundlichen, friedvollen, multikulturellen Vielvölkerprojekt. Gegen die Autokraten, Isolationisten, Kriegstreiber, Völkerschlächter, Ausbeuter, Menschen- und Kulturfeinde dieser Welt. Und mitten unter uns.

Die EU ist weit mehr als Brüssel, Ratssitzungen, Verordnungen, irgendwelche Verträge. Sie ist auch mehr als der Euro, freies Reisen oder Telefonieren ohne Roaming, so angenehm das alles ist. Europa ist die Zukunft, gerade in dunklen Zeiten. Und längst Alltag in unserem Leben, auch wenn wir es nicht merken. Was in London, Budapest, Warschau, in Rom oder Wien passiert, geht uns alle an, genauso wie in Dresden oder Chemnitz. Wir dürfen es daher weder den Europafeinden noch den Staatenlenkern und EU-Kommissaren überlassen. Es ist unser Europa. Nicht ihres.

Die AfD wirbt mit der Farbe blau. Aber das ist Camouflage. Die blaue EU-Fahne mit den 12 Sternen – die ist ein Symbol der Hoffnung. Und Europa die wirklichen Alternative: zu einer Wiederholung der Vergangenheit, die kein „Fliegenschiss“ war, sondern Barbarei und Krieg.

Es würde mich daher freuen, wenn Europa, unser Europa, nicht nur, aber gerade in diesem Jahr Thema auch im Theater, im Kino, in Erzählungen und Romanen, auf Bildern, in der Musik würde, von mir aus auch in Schlagern. Überall. Das wäre ein schöner Wahlkampf. Für unsere Sache.

veröffentlicht als Kolumne in Politik & Kultur 1-2/2019, der Zeitung des Deutschen Kulturrats