Kinder statt Migranten?


Einwanderungsgegner fordern stattdessen eine „Willkommenskultur“ für (deutsche) Kinder. Das ist jedoch ein rechtes Scheinargument.Aus dem Weiten des Internets erreichten mich dieser Tage folgende Aussagen eines angeblichen österreichischen Radiomoderators. Auf das immer wieder in der Einwanderungsdebatte vorgebrachten Argument: „Wir brauchen die Migration, weil Deutsche zu wenig Kinder bekommen und die Bevölkerung überaltert“ erwidert er: „Stellen wir uns einfach mal vor, Kindergärten würden im selben atemberaubenden Tempo wie Asylheime aus dem Boden schießen. Neugeborene erhalten 2500 Euro Willkommensgeld. Der Staat zahlt für jedes Kind 33 Euro/Tag für dessen Unterbringung. Das Kindergeld wird auf das Hartz IV-Niveau erhöht samt Wohnkosten.

Hunderte Gutmenschen stehen mit Blumensträußen vor der Entbindungsklinik. Öffentliche Verkehrsmittel sind für Kinder kostenlos. Genau wie Tageseinrichtungen, Sportvereine und Universitäten. Kinderfeindlichkeit wird als Volksverhetzung geahndet. Die Versorgung mit Mittagessen wird übernommen. Gutherzige Bürger spendieren das erste Fahrrad und Arbeitslose reparieren diese. Bei Lernschwachen erfolgt kostenlose Nachhilfe.“ usw.

Die Idee mag auf den ersten Blick charmant und einleuchtend wirken. Schon an der Wortwahl ist jedoch leicht zu erkennen, dass die Wortmeldung aus der rechten Ecke stammt und von Gleichgesinnten im Netz verbreitet wird. Dennoch habe ich mir die Frage gestellt: Wenn man sich die offenkundige Stoßrichtung wegdenkt, Flüchtlingsfreunde mit den eigenen, moralisch hoch geladenen Waffen zu schlagen – ist an dem Gedankenexperiment nicht etwas dran?

Denn zum einen fand ich die – häufig besonders aus der Wirtschaft vorgebrachte – Behauptung, „wir“ benötigten Zuwanderer, um demografische Lücken zu füllen, Stichwort: Arbeitskräftemangel, schon immer höchst fragwürdig. Erstens werden damit Menschen  zu reinen Objekten degradiert wie die früheren „Gastarbeiter“. Menschen sind jedoch keine Lückenfüller. Schon gar nicht Gebärmaschinen-Ersatz dafür, dass Frauen hierzulande – aus welchen Gründen auch immer – heute weniger Kinder bekommen als früher.

Was für sich auch nicht schlimm ist. Denn wer sagt, zweitens, dass in der dicht besiedelten Bundesrepublik auch in Zukunft 82 Millionen Menschen leben müssen? Der ständige, beschleunigte technische Fortschritt und die Digitalisierung sorgen dafür, dass immer weniger menschliche Arbeit benötigt wird. Und der Sozialstaat ließe sich für eine schrumpfende, alternde Bevölkerung leicht erhalten, wenn Unternehmen endlich auch für Maschinen, Computer und Roboter Beiträge entrichten müssten, die menschliche Arbeitskräfte (und Beitragszahler) ersetzen.

Mehr tun für Kinder und Eltern…

Viel wichtiger ist mir jedoch der andere Punkt: Werden Kinder bei uns – egal sie ob von deutschen, ausländischen oder migrantischen Eltern stammen – tatsächlich willkommen geheißen? Herrschen bei uns Bedingungen, die es potenziellen Müttern und Vätern leicht machen, sich für ein Kind oder mehrere zu entscheiden? Das ist trotz Kindergelds und -freibetrags, Elternzeit und -geld, Ausbau der Kitas plus unzähligen Familienleistungen offenkundig nicht der Fall. Denn sonst würden ja mehr Kinder geboren. (Befragungen zeigen seit langem, dass junge Menschen in aller Regel von Kindern träumen. Aber nur ein Teil verwirklicht später diesen Traum. Weshalb wohl?)

Deshalb finde ich es durchaus überlegenswert, sich für einen Moment vorzustellen, Kinder egal welcher Nationalität würden genauso von der Gemeinschaft als neue Mitbürger begrüßt und willkommen geheißen wie glücklicherweise zumindest in der ersten Zeit die Hunderttausenden Flüchtlinge und Migranten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind. Eltern würden nicht mehr schief angeschaut, wenn sie Kinder mit ins Restaurant nehmen. Mütter, seltener: Väter müssten sich nicht mehr von Chefs fragen lassen, ob sie neben der Kinderbetreuung und Familienarbeit genug Zeit hätten für ihren (bezahlten) Job.

Blumensträuße für Frischgeborene; freie Fahrt für Kleine in Bussen und Bahnen, beitragsfreie Kitas, Sportvereine und Universitäten; unentgeltliche Nachhilfe für Lernschwache und Mittagessen für alle – all das wäre schon mal ein Anfang. Genauso wie Kinderfeindlichkeit genauso unter Strafe zu stellen wie Ausländer-, Fremden- oder Behindertenfeindlichkeit. Am besten: Menschenfeindlichkeit generell (Wer allerdings soll das kontrollieren? Eine Gedankenpolizei?)

… und Migrantenfreundlichkeit sind keine Alternativen

Nur: Mit der Flüchtlings- und Einwanderungsdebatte hat das überhaupt nichts zu tun. Genauso wenig wie Migranten dazu da sind oder geholt werden „müssen“, um fehlende Arbeitskräfte zu ersetzen, so wenig dürfen hier geborene Kinder gegen Menschen ausgespielt werden, die bei uns Schutz suchen. Auch nicht in Gedanken. Der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) hatte Ähnliches schon mal versucht mit seinem „Kinder statt Inder.“ Das war genauso unsäglich.

Ohnehin lässt sich Migration in einer offenen Gesellschaft nicht stoppen. Es wäre auch nicht sinnvoll.

Grundsätlich gilt, auch nach dem Geist des Grundgesetzes: Jeder Mensch ist gleich viel wert, jeder sollte willkommen sein. Egal ob groß oder klein, ob er/sie einen deutschen oder ausländischen Pass besitzt oder wo er/sie geboren ist.

Und: Kein Mensch erfüllt einen Zweck. Schon gar nicht, um mit vorgeblicher Kinderfreundlichkeit (für „deutsche“ Kinder, versteht sich) Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit zu kaschieren.

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