Der Trump in uns


Kein Politiker seit Hitler und Stalin wird so verehrt und gehasst wie der US-Präsident. Die ständige Erregung über ihn seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren sagt viel über seine Gegner. Und die heutige Art der Politik.

Henryk M. Broder, dem früheren Spiegel-Autor, heute einer der intelligenteren Wortführer der äußeren Rechten, muss ich ausnahmsweise mal weitgehend recht geben. In einer Sonderausgabe der Welt zum zweijährigen Amtsjubiläum von Donald Trump an diesem  Sonntag nimmt er sich dessen (und seine) Feinde vor, jenseits-, vor allem aber diesseits des Atlantiks. Und kommt, wie zu erwarten, zu provokanten Ergebnissen. Die jedoch durchaus bedenkenswert sind und treffen. In Teilen auch zutreffen.

1. In der lustvollen Dauerempörung über den „Proleten im Weißen Haus“ und der völlig übersteigerten Kritik an seiner Amtsführung äußern sich ein Hass und eine Verachtung aufseiten der Linken, aber auch Teilen der bürgerlichen Mitte, ihm und seinen Wählern gegenüber, die seinem Hass und dem in seinem Lager auf alle Andersdenkenden und -seienden nicht nachsteht. Und die ähnlich irreale Züge tragen.

Denn Trump hat die postmoderne Politik ja keineswegs erfunden. Er ist lediglich ein besonders bizarres Beispiel eines führenden Politikers, der sich seine Wirklichkeit nach seinen Wünschen schafft. Auch aufseiten seiner Gegner gibt es jede Menge „Narrative“: Migration sei ein Menschenrecht und ein Segen für die Aufnahemeländer; das geeinte Europa sei alternativlos; Mülltrennung, Radfahren und Veganismus seien Schlüssel, um den Planeten zu retten; Mann und Frau seien soziale Konstrukte. usw. pp. Das ist alles ungefähr so richtig oder falsch, wie das Gegenteil, das die Trumpisten und AfD-Pegidisten vertreten. Es hängt jeweils vom Standpunkt ab.

Trump tut was er twittert und verspricht

2. Trump hält – anders als viele Politiker -, was er seinen Wählern versprochen hat, ob man das, was er tut, schimpft und twittert, mag oder nicht. Sein Vorgänger Barack Obama hat sehr kurz nach Amtsantritt den Friedensnobelpreis bekommen, auf Vorschuss. Aber er hat die Welt und die Vereinigten Staaten von Amerika dem Frieden nicht näher gebracht. Er hat so viele Menschen mit Drohnen töten lassen wie kein US-Präsident vor ihm. Weit mehr als sein in Europa bis heute verhasster Vorgänger Georg W. Bush. Er hat die Kriegseinsätze der USA in Syrien und Afghanistan fortgesetzt, die die Linke vehement ablehnen und die Trump – eigentlich in ihrem Sinne – jetzt beenden will. Und er hat lange vor Trump begonnen, die mächtigste, einzige Weltmacht aus der Rolle als Weltpolizist zurückzuziehen, was jetzt seinem Nachfolger angelastet wird.

Trump hat nie versprochen, den USA oder der Welt Frieden zu bringen. Nur, Amerika wieder stark zu machen. Er verfolgt dieses eine Ziel. Konsequent und erfolgreich: Der US-Wirtschaft geht es dank seiner aggressiven Handelspolitik gut, die Arbeitslosigkeit ist gesunken, Konzerne auch aus dem Ausland kuschen vor ihm, was sich Linke ja eigentlich von der Politik wünschen. Zugleich erreicht allerdings auch die Verschuldung der USA neue schwindelerregende Ausmaße, die extreme Ungleichheit der Einkommen und Vermögen hat sich nicht geändert, auch dank seiner Steuergeschenke für die Reichen. Beides war von ihm, einem sehr vermögenden Immobilienmogul, der schon mehrfach bankrott war, nicht anders zu erwarten. Und es unterscheidet ihn kaum von vielen seiner Vorgänger.

Politik für die (weiße) Arbeiterklasse und die Reichen

3. Trump macht als Reicher Politik für die (weiße) Arbeiterklasse, darunter zahllose ehemalige Wähler der Demokraten (die er ja selbst die längste Zeit seines Lebens unterstützt hat). Jedenfalls gibt er das vor, genauso wie Obama, der ebenfalls aus der Oberschicht stammte, noch mehr Hillary Clinton, Trumps gescheiterte Gegenkandidatin. Nur dass diese beiden zur Oberklasse der typischen gebildeten, weltoffeneren Ost- und Westküstenbewohner gehören, die den meisten Europa beliebt, weil geistig verwandt, vielen Amerikanern aber verhasst sind. Und die wie viele Linksliberale und Intellektuelle auch bei uns mit den Proletariern und kleinen Leuten, deren Interesse sie vorgeblich vertreten, kulturell wenig bis nichts gemein haben.

Aus diesen nachvollziehbaren Gründen – weil sie überzeugt sind, dass Trump ihre Interessen verficht, aus tiefer Ablehnung der bisherigen politischen und wirtschaftlichen Führungsschicht, im Fall von Obama auch offenem Rassismus der Verlierer – stehen die weißen Arbeiter und Arbeitslosen im Rust Belt unverbrüchlich zu Trump, ebenso wie die Farmer im Mittleren Westen. Diese beiden wichtigen Wählergruppen fühlen sich von ausländischen Unternehmen, der Globalisierung und freiem Welthandel bedroht. Das teilen sie mit vielen Vertretern der Linken und der US-Demokraten, die Trump so vehement ablehnen, aber auch mit Angehörigen der Mittelschicht, die aus ähnlichen Gründen in Deutschland AfD wählen.

Obwohl sie alle – objektiv betrachtet – von der Globalisierung und Digitaliserung enorm profitieren. Und sei es in Form des Internets und von Computern, Smartphones oder Videoserien, die und vor allem deren die Welt antreibendes globales Betriebssystem nicht aus europäischer Produktion stammen, sondern von den Datenkonzernen aus dem Silicon Valley und aus China, den neuen Beherrschern des Globus – Trump Erzfeinden.

Alles wesentlich komplexer, als dass es in das simple Anti/Pro-Trump-Schwarz-Weiß-Muster passte.

Einer wie viele Politiker

4. Eine erratische Politik haben auch andere US-Präsidenten verfolgt. Thomas Woodrow Wilson, ein Demokrat, vertrat vor hundert Jahren eine isolationistische Politik wie Trump – und führte die USA dann 1917 in den Ersten Weltkrieg und als Superpower in die Weltpolitik ein, eine Rolle, die das Land schon lange überfordert und die Trump nun zurückdrehen möchte. John F. Kennedy, bis heute in Europa ein (zweifelhafter) Held, führte die USA entgegen seinen Ankündigungen in schrecklichem Ausmaß in den Vietnamkrieg, und die Welt im Kubakonflikt an den Rand des atomaren Armageddons. Obama drohte Assad mit einem militärischen Angriff, falls der Chemiewaffen gegen sein eigenes syrisches Volk einsetze – und zuckte zurück, als der mit russischer Hilfe diese „rote Linie“ überschritt.

Auch deutsche und andere europäische Politiker scheren sich häufig nicht darum, was sie gestern oder noch am selben Morgen gesagt oder getan haben. Merkel verfolgte bis 2015 eine äußerst rigide Flüchtlingspolitik, ließ dann in einer einsamen Entscheidung mehr als eine Million Flüchtlinge und Migranten ins Land, um seither durch mehrfache Verschärfung des Asylrechts (jetzt gerade wieder durch Erweiterung der Liste der sog. sicheren Herkunftsstaaten), das Flüchtlingsabwehr-Abkommen mit Erdogan und die von ihr mit veranlasste Schließung der Balkanroute ihre gefeierte Willkommenspolitik zu konterkarrieren. Von anderen wie Horst Seehofer oder Sigmar Gabriel nicht zu reden. (Gerhard Schröder war im Vergleich dazu konsequenter: Er blieb bei seinem Nein zum Irak-Krieg, und er zog die Sozialreformen durch.)

Selbsthass der Linksliberalen

Weshalb also diese tiefe Verachtung der Intellektuellen/Linken/Sozialdemokraten/Grünen und auch Bürgerlicher für Trump und seine Wähler, genauso wie gegenüber gleichgesinnten Politikern, Parteien und Wählergruppen hierzulande und im Rest Europas? Womöglich liegt das – neben Neid & selbstgerechter Empörung, dass Trump die Wahl 2016 gewonnen hat und er bei einen Wählern gerade wegen seiner Politik, anders als beispielsweise Macron, fast unverändert beliebt ist – am Erschrecken über sich selbst. Weil sie in sich genauso abgrundtiefe Ressentiments hegen wie ihre verbitterten Gegner, auch und insbesondere gegen kulturlose „Proleten“ wie sie Trump verkörpert. Obwohl sie ebenso tief überzeugt sind, die wahren Interessen der Geknechteten und Entrechteten dieser Welt zu verfechten.

In dem Hass auf Trump schwingt nebenbei auch ein gehöriges Maß Anti-Amerikanimus mit: die jahrhundertealte Verachtung und das Überlegenheitsgefühl von Europäern, gerade Deutschen, gegenüber den vermeintlich kultur- und geschichtslosen Emporkömmlinge jenseits des Atlantiks, die aber tatsächlich mit ihrer Kultur die Welt beherrschen. Deren globale Produkte wie Rock, Jazz, Jeans, Smartphones und das WWW auch und gerade unter seinen Feinden äußerst beliebt sind. Und die ja letztlich eine sehr europäische ist.

Denn imperalistisches Streben, die Welt zu beherrschen und sie sich auch kulturell untertan zu machen, gab es auf dem Alten Kontinent lange bevor die USA entstanden. Hervorgebracht von Auswanderern aus ebendiesem Europa, von denen viele vor den Gewaltherrschern dort einst geflohen sind. Nicht zuletzt millionenfach aus Deutschland. Und die im „wilden Westen“ einen multikulturellen Schmelztiegel schufen, den sich Trumps Gegner bei uns erträumen – vom Rassismus gegen Schwarze, Muslime und die „roten“ Ureinwohner abgesehen.

Man kann das Alles geistige Schizophrenie nennen. Oder auch Selbsthass. Der führt stets zu emotionalen Überreaktionen: Der Betroffene erkennt sich in seinem Gegenüber insgeheim wieder und lehnt ihn umso mehr ab, um sich nicht selbst hassen zu müssen, zumindest dessen Anteile in sich. Anders ausgedrückt: Nicht wenige, die Trump verachten und hassen, wären – wenn sie ehrlich wären, auch zu sich selbst – gerne, zumindest manchmal, so wie er: rücksichtslos, aggressiv, selbstsüchtig und egoistisch bis zum geht-nicht-mehr – und erfolgreich.

Polarisierung im Denken

Man kann es auch schlichter intellektuellen Dünkel nennen: Dünkel der Gebildeten, der alten Elite und der neuen, der Globalisierungsgewinnler, der Verfechter einer kosmopolitischen, multikulturellen, öko-nachhaltigen Lebensweise. Derer, die sich als bessere Menschen fühlen und anderen, insbesondere den Populisten und Nationalisten, weit überlegen.

Die aber damit leben müssen, dass viele, nicht nur eindeutige Trumpisten und AfDler, ihre Ansichten und ihr Weltverständnis nicht teilen. In den USA die Hälfte einer ebenso wie bei uns tief gespaltenen, polarisierten Gesellschaft. Was sie als angebliche Verteidiger der Demokratie gegen die Antidemokraten, Illiberalen, mindestens respektieren und anerkennen müssten. Was sie aber nicht über sich bringen.

Dabei tragen die Trump-Hasser und AfD-Gegner für die politische und gesellschaftliche Polarisierung genauso und fast ebenso viel Verantwortung. Beständig „Trump, der Untergang des freien Abendlandes!“ und „Nazis! Nazis raus!“ zu rufen, gleicht dem Verhalten der Gegenseite wie ein verfaultes Ei dem anderen. Wer das tut – und das wird zu Trumps Zweijährigen jetzt wieder überall passieren – darf sich nicht wundern, wenn es beständig genauso hassvoll und absurd zurückschallt.

Der Trumpismus wird bleiben

Noch zugespitzter: Ohne diesen Dünkel, die Verachtung der Linken und Linksliberalen für alle anderen, für die Andersdenken und -lebenden, hätte es einen Trump als mächtigstem Mann der Welt vermutlich nie gegeben. Ebensowenig wie die AfD. Also wäre dieser Trump-Jubel/Hass-Tag eigentlich Anlass genug, in sich zu gehen. Und sich nicht zum unzähligsten Mal über ihn zu ereifern.

Trump wird uns noch lange erhalten bleiben. Mindestens bis 2021, wenn nicht noch vier Jahre länger. Sein politische Erbe noch viel, viel länger, solange die Gründe bestehen bleiben, die zum Entstehen des Trumpismus geführt haben. Wozu der der Trump in uns gehört.

2 Gedanken zu „Der Trump in uns

  1. Schalttagskind

    Die Headline ist sehr treffend, die Analyse folgerichtig. Hass auf den Gegner als Projektion von Selbsthass und fehlener positiver Selbst-Identifikation ist ein psychologisch viel zu wenig herausgearbeitetes Motiv. Auch die Wurzeln für diesen verleugneten Selbsthass auf der Linken sind ein sehr interessantes – und lohnenswertes – Betätigungsfeld für die Tiefenpsychlologie. Wie so vieles würde die Analyse in Deutschland über zwei, drei Generationen hinweg direkt zu Adolf führen.
    Das kann indes nicht als Rechtfertigung für die wirklichen Katastrophen der Trump-Ära herhalten: Steuerbefreiung für Superreiche, Geldwäsche und Nepotismus, Bildungslosigkeit bis zum funktionalen Analphabetentum, Triebsteuerung statt rationalem politischem Handeln, Roll-Back der ohnehin schwachen Erfolge im Kampf gegen den Klimawandel.
    Und das wiederum heißt im Umkehrschluss nicht, dass die Clinton-Demokraten auf diesen Gebieten zwingend menschenfreundlicher/bürgernäher agieren würden.
    Fazit: Das Verlassen der Gräben in diesem zunehmend alle Handlungsfähigkeit lähmenden Stellungskrieg ist zwingend erforderlich. In den USA wie in Europa und ganz besonders auch bei uns.

    1. lgreven Autor

      Volle Zustimmung. Selbstverständlich betreibt Trump eine schreckliche Politik, wobei er außer der Steuersenkung für Reiche und Superreiche wie ihn noch nicht allzu viel auf den Weg gebracht hat – zum Glück: Obamas Krankenversicherung für Ärmere ist weiterhin in Kraft, die Mauer zu Mexiko wird vermutlich nie gebaut, und auch sonst ist er mit etlichen Vorhaben zT an der eigenen Partei gescheitert. Durch die Mehrheit der Demokraten im Abgeordnetenhaus wird es für ihn jetzt noch schwieriger. Das Übelste, was er angerichtet hat, ist die Vergiftung der Öffentlichkeit und die Neubesetzungen des Obersten Gerichtshofs, die für Jahrzehnte die Politik der USA in umstrittenen Fragen rechtskonservativ prägen wird, wenn er längst aus dem Amt ist. Mir ging es aber vor allem um die Seite seiner Gegner, die ich – wohl wie Sie – für zT sehr selbstgerecht und auch nicht unbedingt besser halte. Deshalb, fürchte ich, wird Ihr Schlussappell ungehört verhallen.

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