Zur Relotius-Affäre: Blender gibt es nicht nur beim Spiegel


GAU für den dt. Journalismus: Ein junger preisgekrönter Reporter hat für den „Spiegel“ und womöglich noch andere führende Medien Fakten, Zitate, Personen, ganze Reportagen gefäscht und erfunden. Vermutlich kein Einzelfall. Wieso wird es solchen Betrügern so leicht gemacht?

Claas Relotius wurde in der Medienbranche als Star gefeiert. Gerade erst hatte er wieder den „Deutschen Reporterpreis“ erhalten, zum vierten Mal, für die angeblich beste Reportage des Jahres. Mit 33 Jahren. Nach Ansicht der Jury hat er einen Text „von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz“ geschrieben, „der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert“. Sinnigerweise über einen syrischen Jungen, der glaubt, durch einen Streich den Krieg in seinem Land mit ausgelöst zu haben.

In Wahrheit hat dieser hochgelobte Spiegel-Nachwuchsmann selbst einen Medienskandal von unübersehbarem Ausmaß ausgelöst. Mittlerweile hat er eingestanden, dass er sich etliche seiner vielen Texte, die im Spiegel erschienen, zumindest in Teilen ausgedacht hat. Relotius schrieb vorher auch schon für andere Medien wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, das SZ-Magazin, die Welt, Cicero, taz oder Zeit Online. Womöglich hat er auch dort den wertvollen Rohstoff, aus dem guter Journalismus gemacht werden muss, manipuliert, verfälscht und schwer beschädigt hat: die Wahrheit. Die Redaktinonen prüfen das jetzt. (Wieso erst jetzt?)

Wem können Leser noch trauen? Was noch glauben?

Nach diesem sehr tiefen Fall eines vermeintlichen neuen Egon Erwin Kisch ist nichts mehr sicher im deutschsprachigen Journalismus. Wem können Leser, User, Zuschauer, Zuhörer noch trauen? Auf was können sie sich verlassen? Was ist das Versprechen noch wert, das seriöse Medien vor sich hertragen und das Rudolf Augstein, der Spiegel-Gründer, in die knappen Worte fasste: „Sagen, was ist“?

Vor 18 Jahren hat ein gefeierter Jungstar schon einmal die Medienbranche erschüttert: Tom Kummer. Auch er hat für den Spiegel geschrieben, er war auch Reporter für Tempo, arbeitete für den Stern, die Zeit und das SZ-Magazin. Kummer hatte Interviews mit Hollywood-Stars erfunden. Im rückblickenden Vergleich mutet der damalige Skandal fast rührend harmlos an. Denn an Stars ist ohnehin wenig echt.

Wenn es aber heute, im Zeitalter der „Fake News“, 35 Jahre nach der Affäre um die erfundenen Hitler-Tagebücher des Sterns, einem Hochstapler erneut gelingt, führende Medien, Kollegen, Juroren von Journalistenpreisen sowie Leser so leicht zu täuschen, dann nimmt dies vielen ihren Restglauben an die Seriosität der Medien, die der Wahrheit verpflichtet sind. Und auf denen eine aufklärerische, kritische Öffentlichkeit basieren sollte – als Fundament einer funktionierenden Demokratie.

Redaktionsverantwortliche lieben „tolle“ Geschichten oft mehr als die Wirklichkeit

Wieso ist niemandem in den beteiligten Redaktionen aufgefallen, dass viele der gefeierten Reportagen von Claas Relotius zu toll waren, um wahr zu sein? Weshalb brauchte es erst einen guten, kritischen Kollegen, dem bei einer gemeinsamen Recherche in den USA Zweifel kamen und der dann auf eigene Faust die „Geschichten“ des Kollegen prüfte, damit dieser Fake-Reportagen-Skandal endlich aufflog? Und wieso lief dieser Kollege zunächst in der eigenen Redaktion gegen Wände und wurde als Neidhammel selbst verdächtigt, anstatt seinen berechtigten Zweifeln sofort nachzugehen?

Vermutlich, weil die Vorgesetzten nicht merken wollten oder schlicht nicht merkten, dass sie sich erneut bereitwillig hatten blenden lassen. Weil sie nicht genügend nachdachten und nachprüften. Weil sie sich selbst im Glanz des neuen Kisch sonnen wollten, damit ihr Blatt wieder ein wenig erstrahlte. Um ein wenig von den Preisen abzubekommen, die Claas Relotius in Serie erhielt. Um gegenüber der Konkurrenz zu prahlen.

Das alles ist entsetzlich. Nicht nur für den Spiegel, sondern für alle Journalisten und Medien, die sich tagaus, tagein bemühen, die Realität oder das, was sie davon für neu, wichtig, aufregend, lehrreich halten, zu erkunden, zu beschreiben, zu analysieren, zu kommentieren. Im Dienst ihrer Leser, Zuschauer, Zuhörer, User. Damit die sich ein Bild von der Wirklichkeit jenseits ihres eigenen Erfahrungshorizonts machen und orientieren können im unübersichtlichen weltweiten Geschehen.

Futter für rechte Fake-News-Freunde

In Zeiten großer Unsicherheit begegnen selbst ernsthafte, gute Medien und Journalisten einem immer stärkeren Misstrauen. Viele Bürger unterstellen ihnen, die Wahrheit nach Vorgaben von oben zu verbiegen, Fakten zu unterdrücken und gefälschte Nachrichten zu verbreiten. Diese Menschen, die meist auch der etablierten Politik, wenn nicht gar der Demokratie misstrauen, müssen sich nun aufs Schlimmste bestätigt fühlen.

Denn diesmal geht es um die Paradedisziplin des Journalismus, um Reportagen, die normalerweise besonders sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft werden. Und betroffen ist praktisch die gesamte führende deutsche Presse. Die seit Jahren ohnehin gegen fallende Auflagen, Erlöse und schwindende Relevanz kämpft. Und die sich von diesem Skandal so schnell nicht erholen wird.

Sicher: Gegen trickreiche Betrüger ist niemand gefeit. Auch Redaktionen nicht, mögen die Kontrollen noch so gut sein. Erschreckend ist jedoch die Leichtgläubigkeit, die dem vermeintlichen Reporterhelden seine jahrelangen Betrügereien spiegelleicht gemacht haben. Schon immer galt unter manchen Journalisten der zynische Grundsatz: „Ich lasse mir doch eine steile These nicht durch eine gründliche Recherche kaputt machen!“ Doch in Zeiten, in denen Medien ums Überleben kämpfen, ist offenkundig in Redaktionen selbst kritischer Häuser die Grundskepsis abhandengekommen, die jeden Journalisten auszeichnen sollte. Und die ihn oder sie eigentlich dazu zwingt, stets zu fragen: Kann es wirklich so sein, wie der Autor es aufgeschrieben hat? Liest sich der Bericht, die Reportage nicht allzu perfekt? Hat der Autor vielleicht nachgeholfen, damit er seinen Auftrag und die Erwartungen an seine „Geschichte“ erfüllt (wobei der Begriff, den Journalisten normalerweise ohne Hintersinn für jeden längeren Text verwenden, in diesem Kontext eine ganz andere, erschreckende Bedeutung bekommt).

Die Welt ist grau und kompliziert, nicht so, wie es Chefredakteure gerne haben

Schlimmer noch: Nicht wenige Verantwortliche in den etablierten Medien legen offenbar kaum mehr Wert auf Fakten, die ihr eindimensionales Weltbild erschüttern und aufregenden, Auflage und Klicks bringenden „Geschichten“ ihre Überzeugungskraft und Eindeutigkeit nehmen könnten. Doch die Welt und die Menschen sind selten haargenau so, wie sie sich Redaktionsleiter ausdenken und wünschen.

Statt die meist graue, selten schwarz-weiße Wirklichkeit erforschen zu lassen, das nüchterne, mühselige Journalisten-Handwerk, bevorzugen Redaktionsverantwortliche und Verlagsmanager „schön geschriebene“ Geschichten. Auch wenn die Realität dafür geglättet und bisweilen erfunden werden muss. „Er (oder sie) kann klasse recherchieren, aber er/sie kann nicht schreiben“, heißt es dann abfällig über Kollegen, die den hochgesteckten Erwartungen nicht gerecht werden. Aber ist das wirklich das entscheidende Kriterium?

Die Medienbranche, genauer gesagt: viele ihrer führenden Leute feiern lieber sich selbst und „tolle Reportagen“ als das journalistische Graubrot: die gründliche, differenzierte, selbstkritische Recherche; das Hinterfragen vermeintlich sicherer Quellen; die Geschichte gegen den Strich. Sie lieben das Wortgeklingel und den „wunderbaren“, ungewöhnlichen, eigenwilligen Stil – und Journalisten, die sich ihnen fügen.

(erschinen im Medienmagazin Journalist)

So gehen die betroffenen Medien mit dem Fall um:
Der Spiegel in eigener Sache: Betrugsfall im eigenen Haus
Spiegel-Chefredaktion: Wir haben viele Fragen an uns selbst
Aufgedeckt: Video-Interview mit Juan Moreno
Zeit Online / Zeit Wissen: Unser Wissensstand zu Relotius
die tageszeitung: taz prüft Relotius-Texte
Welt: Wir nehmen die Artikel vorsorglich vom Netz
SZ-Magazin: In eigener Sache
NZZ am Sonntag: Wir prüfen
Cicero: Auch für Cicero geschrieben
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Der Sachverhalt wird weiter geprüft
Reporterforum: Relotius gibt Reporterpreise zurück
Inteview mit Cordt Schnibben: Er hat sich gedrückt
Peter-Scholl-Latour-Preis: Aberkennung

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