Links? Terror? Wider die Begriffsverwirrung nach den G20-Krawallen


Wer die Welt begreifen will, muss sich einen Begriff von ihr machen. Anlässlich der Geschehnisse rund um den G20-Gipfel in Hamburg geht es wieder einmal unter anderem um die Frage, was „links“ ist und was „rechts“? Die alte, nach 1989 eigentlich als erledigt geglaubte Unterscheidung. War die Gewalt überhaupt politisch? Wer und was steckte dahinter? Von wem gingen die Krawalle – wenn man sie so nennen will – aus? Darf man dafür (leises) Verständnis oder nur Abscheu und Empörung haben?

Es ist wichtig, die Ereignisse möglichst nüchtern zu betrachten und erst einmal nachzuschauen, was wirklich geschehen ist, soweit das überhaupt möglich ist. Denn selbst unmittelbar Beteiligte und Betroffene, Augenzeugen, Anwohner, Verantwortliche auf allen Seiten tragen ja immer schon Wertungen mit und in sich herum. Für die einen war das G20-Treffen deshalb nichts als eine Versammlung kapitalistischer Herrscher, gegen die (fast) jedes Mittel recht ist. Für andere sind Demonstranten jeder Art per se Chaoten, die die staatliche Ordnung herausfordern.

Manche bewegen sich irgendwo dazwischen. Nicht wenige aber sind schlicht verwirrt und verstört. Denn das, was sich auf den Straßen Hamburgs ausgetobt hat, entzieht sich ja zum Teil zunächst jeder gängigen Interpretation. Wie will man etwa verstehen, dass Gewalttäter ausgerechnet das Stadtviertel verwüsten, in dem sie ihre linksalternativen Wurzeln haben und in dem sie teilweise selbst und die einschlägige Szene leben? Blinde Zerstörungswut? Gewaltiger Frust, weil sie G20 nicht blockieren oder „angreifen“ konnten, wie vorher die Schlachtrufe lauteten (was angesichts der aufgebotenen Staatsmacht ohnehin Illusion war)? Ein spezielle Form von kollektivem Masochismus?

Gewalt-Folklore

Oder haben sich in der Schanze und vorher schon im ebenfalls öko-linken Stadtteil Ottensen einfach nur Gewaltsüchtige ausgetobt, ähnlich wie bei den regelmäßigen 1.Mai-Ausschreitungen in Berlin oder den berüchtigten Schanzenfesten, mit den immer gleichen, fast folkloristisch wirkenden Randale-Ritualen? Einer Ziellosigkeit im Kampf gegen den „Staat“, der sie oft genug durchfüttert. In der Auseinandersetzung mit der Polizei, die mal aus Erfahrungen lernend deeskalierend, mal weniger geschickt agiert. In der Gewalt gegen Sachen, Autos, Banken, Geschäfte, aber auch gegen Personen – auch dies eine fragwürdige Unterscheidung, welche den politischen Diskurs seit den 68er-Zeiten durchzieht.

Waren also die Chaostage und -nächte von Hamburg kaum anderes als die ritualisierte Gewalt von Hooligans, für die jedes Fußballspiel auch nur willkommene Gelegenheit ist, ihr Mütchen zu kühlen und sich mit gegnerischen „Fans“ und der Polizei zu prügeln? Das wäre beinahe beruhigend. Einiges spricht aber leider dafür, dass in Hamburg eine andere Stufe der Gewalt erreicht wurde. Eine erschreckende neuartige Form des Terrors – von Hintermännern im Vorfeld sorgfältig vorbereitet, organisiert und durchchoreographiert, bewusst eingebettet in den friedlichen Protest, der so zum Vehikel ganz anderer Interessen wurde.

Angst und Schrecken verbreiten = Terror?

Denn Ziel war es ja offensichtlich nicht, den G20-Lenkern in demokratischer Weise eine andere Weltsicht entgegenzuhalten, sondern pure Angst und Schrecken zu verbreiten. Vermeintlich unter den Herrschenden, tatsächlich aber in erster Linie unter völlig unbeteiligten Bürgern und selbst unter Gleich- oder ähnlich Gesinnten.

Links oder linksextrem darf man diese perverse Form des angeblichen Protestes sehr wohl nennen. Denn die Gewalttäter beriefen und berufen sich zur Legitimation auf einen gemeinsamen linken Geist, sie nannten sich „anti-kapitalista“, und sie konnten mit Unterstützung oder zumindest Sympathie eines nicht unerheblichen Teils der Linken rechnen, wie etwa der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping, die selbst nach dem Straßenterror allein die Polizei und die Politik der anderen Parteien verantwortlich machte. Die Grenzen sind also fließend, genauso wie bei Gewalt auf der rechten oder rechtsextremen Seite. Die linksextreme Gewalt als unpolitisch zu bemänteln, hieße, sie zu verharmlosen.

Man kann mit Fug und Recht auch von Bürgerkriegszuständen reden. Wobei „Bürger“ in diesem Fall vielleicht etwas hochgegriffen ist. Denn unter Bürgern stellt man sich üblicherweise vernunftbegabte Wesen vor. Hier tobte sich aber offenkundig ein Mob aus, der – von den eigentlichen Tätern angetrieben – die militant-militärische Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften suchte, sie mit tödlich wirkenden Waffen angriff, Barrikaden errichtete, brandschatzte und plünderte und ein ganzes Quartier eroberte. Kaum anderes, als es zum Beispiel der IS in Syrien und Irak treibt, nur wesentlich kleiner und ohne Enthauptungen. Aber nicht weniger schrecklich und terrorisierend.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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