Ohrloch = Vorhaut?


In der Debatte über das Kölner Beschneidungsurteil habe ich hier und an anderer Stelle angemerkt, dass wer die Entfernung der Vorhaut bei muslimischen und jüdischen Jungen verbieten lassen will, auch das Ohrlochstechen bei kleinen Mädchen verbieten müsse. Denn das ist ohne Zweifel gleichfalls eine Körperverletzung. Viele Leser/User wiesen diesen Vergleich als abwegig zurück. Womöglich wird aber genau diese Frage bald die deutsche Justiz beschäftigen.

Denn ein Berliner Zivilgericht, das am Freitag über eine Klage von Eltern gegen ein Piercingstudio wegen der nicht fachgerecht ausgeführten Ohrpenetratiion an ihrer dreijährigen Tochter entscheiden musste, erwägt, den Fall einem Strafgericht vorzulegen. Dort müssten sich dann auch die Eltern verantworten, weil sie die Einwilligung gegeben hatten.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und der Präsident des Kinderschutzbundes ziehen heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Parallele. Auch das verbreite Ohrlochstechen oft schon bei Säuglingen sei eine irreversible Schädigung und somit ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Kindes.

Natürlich ist das Durchstechen der Ohrläppchen weniger gravierend als die Entfernung der Vorhaut bei Jungen. Aber darum geht es nicht. Es geht ums Prinzip – den Beschneidungsgegnern jedenfalls: Sie wollen den alten religiösen Brauch bei Juden und Moslems verbieten, unter dem Deckmantel des Kinderschutzes, worauf ich hier ebenfalls schon hingewiesen habe.

Das wahre Motiv vieler dieser Gegner ist purer Antisemitismus (und Antiislamismus), neben dem Willen, das Religiöse generell aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Wie stark der Antisemitismus in Deutschland bis heute verbreitet ist, zeigte der Überfall auf einen Rabbiner in Berlin auf offener Straße. Hat sich jemand schützend vor ihn gestellt, als arabische Jugendliche ihn zusammenschlugen? Natürlich nicht. Da schauen Deutsche gerne weg, genauso wenn Ausländer angepöbelt und angegriffen werden.

Soviel zur angeblichen Zivilcourage der Deutschen. Die tobt sich stattdessen im Internet aus, wenn es gegen missliebige, im Beschneidungsfall: religiöser Minderheiten geht. Die Religionsfreiheit ist jedoch ein hohes Gut. Sie ist im Grundgesetz in Artikel 4, also an vorderer Stelle geschützt. Dazu gehört das Recht der Eltern, ihre Kinder in ihrem Glauben zu erziehen und sie in ihre Glaubensgemeinschaft einzuführen.

Ob das blutige Rituale wie die männliche Beschneidung beinhaltet, darüber kann man geteilter Meinung sei. Dies wird wahrscheinlich irgendwann das Bundesverfassungsgericht entscheiden.

Das Ohrlochstechen jedenfalls ist in keinem Fall grundrechtlich geschützt. Aber nicht alles muss der Gesetzgeber regeln. Ein liberaler Rechtsstaat zeichnet sich auch dadurch aus, dass er bestimmte Fragen der Gesellschaft überlässt. Ob die Beschneidung heute noch zeitgemäß ist, darüber wird in der jüdischen Gemeinschaft schon lange diskutiert. Vertrauen wir der Macht der Vernunft. Und nicht immer nur den Gerichten.

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