Gefährliche Beschneidung


Dürfen Eltern einem vierjährigen Sohn aus religiösen Gründen die Vorhaut entfernen lassen? Nein, hat diese Woche ein Kölner Landgericht entschieden und damit eine anhaltende Debatte ausgelöst. Und die führt, ebenso wie das Urteil, auf einen gefährlichen Holzweg.

Denn anders als die Richter in der Domstadt annahmen, geht es hier nicht in erster Linie um das unbestreitbare Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit. Denn sonst müssten zum Beispiel auch das verbreitete Ohrringstechen bei kleinen Mädchen und Tatoos oder Piercings bei Minderjährigen verboten werden, ebenso wie generell jede Beschneidung – ob mit oder ohne religiöse Motive. Vielmehr stellt das Urteil die vom Grundgesetz gleichermaßen geschützten Rechte in Frage, seine Religion frei von unzulässigen staatlichen Eingriffen auszuüben und seine Kindern, im Rahmen der Verfassung und der Gesetze, nach eigenen Vorstellungen zu erziehen. Auch dies ohne dass Behörden und Justiz sich – außer zum Schutz der Kinder – einmischen.

Die Kölner Richter haben diese verschiedenen Grundrechte abgewogen und sind zu dem falschen Schluss gekommen, dass der Schutz des Kindes vor einer „Körperverletzung“ schwerer wiege als das religiöse Selbstbestimmungsrecht der Eltern in Erziehungsfragen. Dieses Recht sei „nicht unzumutbar beeinträchtigt“, wenn die Eltern abwarten müssten, ob sich das Kind später als Volljähriger für eine Beschneidung entscheide, so ihre Argumentation.

Keine Verstümmelung

Es stellt sich aber zunächst die Frage, ob hier überhaupt Kinder vor einer nennenswerten körperlichen Beeinträchtigung bewahrt werden müssen. Bislang ist in Deutschland kein Fall bekannt, dass ein Volljähriger gegen seine Eltern wegen des Verlustes seiner Vorhaut geklagt hätte.

Verfolgt man die Debatte, die seit dem Urteil im deutschen Blätterwald und insbesondere in User-Kommentaren und Blogs im Internet tobt, kann man zum Eindruck gelangen, hier gehe es um eine Kernfrage der Gesellschaft und des säkularen Staates. Was, gemessen am Anlass, wohl ohne Zweifel übertrieben ist. Denn anders als etwa bei der zurecht seit Jahren bekämpften Beschneidung von Mädchen und Frauen und der Zwangsehe oder auch nur beim Streit um das Kopftuchtragen muslimischer Frauen dreht es sich hier um einen relativ harmlosen religiösen Brauch: Für Juden ist, ähnlich wie für Moslems, die Beschneidung der neugeborenen Knaben seit Jahrtausenden üblich und unabdingbar für deren Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft.

Für die Jungen bedeutet die Entfernung des unempfindlichen Hautstücks weder großen Schmerz noch eine, später nur schwer rückgängig zu machende „Verstümmelung“. Im Gegenteil: Millionen Jungen und Männer in aller Welt lassen sich ohne jede religiöse Motivation beschneiden (in den USA z.B. mehr als Dreiviertel), aus vielerlei, meist hygienischen Gründen.

Und diese waren ursprünglich auch Begründung der religiösen Tradition: Der gläubige Knabe und Mann soll nicht „unrein“ vor seinen Gott treten. Auch so gesehen entspricht die Beschneidung der Juden und Muslime der christlichen Taufe. Auch bei der Taufe wird das Neugeborene im rituellen Bad gereinigt und dadurch in die religiöse Gemeinschaft aufgenommen.

Verunsicherung der Eltern und Ärzte

Nur zu verständlich ist angesichts all dessen, dass die Zentralräte der Juden und Muslime ebenso wie Deutsche Bischofskonferenz gegen das Kölner Urteil aufbegehren und auch in Israel manche darin eine unzulässige Beeinträchtigung der Religionsfreiheit für Juden (und Moslems) in Deutschland sehen. Denn auch wenn der Richterspruch mit hoher Wahrscheinlichkeit spätestens vor dem Bundesverfassungsgericht wohl aufhoben werden dürfte, schafft er Rechtsunsicherheit für die Eltern und Ärzte.

Mediziner, welche religiöse Beschneidungen vornehmen, können sich nun nicht mehr darauf berufen, dass sie – wie ihr letztlich deshalb freigesprochener Kollege – im „unvermeidbaren Verbotsirrtum“ handeln. Schließlich können ja nun wissen, dass der Schnitt um die Penisspitze strafbar sein kann, auch wenn das Kölner Urteil nur für den Einzelfall gilt und keine präjudizierende Bedeutung für etwaige andere Verfahren hat.

Antisemtische Reflexe

Diese justizielle Einschüchterung führt dazu, dass sich nicht-jüdische und nicht-muslimische Mediziner ab sofort zurückhalten werden, wenn Eltern mit dem Beschneidungs-Wunsch zu ihnen kommen, um sich nicht einer drohenden Anzeige und Anklage auszusetzen. Viele Eltern werden sich dann wohl oder übel, um nicht gegen ihre religiösen Pflichten zu verstoßen, an andere Beschneider im In- oder Ausland wenden, die möglicherweise weniger sauber arbeiten. Ob dies im Interesse der Kinder ist?

Noch weit bedenklicher ist jedoch, dass das Urteil – sicherlich unbeabsichtigt – antijüdische und antimuslimische Tendenzen schürt. Liest man insbesondere viele der zahllosen User-Beiträge im Internet, bekommt man schnell den schaurigen Eindruck, dass hier – unter dem Deckmantel des Schutzes der Kinder und eines kruden Atheismus und vermeintlichen Säkularismus – ungeniert einmal mehr Stimmung gegen religiöse Minderheiten gemacht wird. Nach dem Motto: Juden und Muslime üben mitten in Deutschland blutrünstige religiöse Riten aus und verstoßen damit gegen das Grundgesetz!

Dem ist im Vorhaut-Fall aber, anders als eben bei der weiblichen Beschneidung, nicht so. Das Urteil selbst verletzt vielmehr religiöse Grundrechte. Und wird und darf deshalb keinen Bestand haben.

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